Dienstag, 17. April 2018

[Rezension] "Feuerwerk mit Todesfolge: Der vierte Fall für Wells & Wong" von Robin Stevens

"Feuerwerk mit Todesfolge: Der vierte Fall für Wells & Wong" von Robin Stevens
Ich kann mich nur wiederholen: Diese Krimireihe ist nicht nur besonders, sondern auch besonders großartig! Aus dem riesigen Pool der Kinderliteratur sticht sie alleine schon aufgrund ihres nostalgischen 30er-Jahre-Flairs auffallend heraus. Was mir wirklich sehr gefällt, ist, mit wieviel Feingefühl Autorin Robin Stevens Spaß und Ernst miteinander verbindet.

Nach einem Abstecher zum Wohnsitz der Familie Wells und einer Fahrt im Orientexpress geht es für die Nachwuchsdetektivinnen Daisy Wells und Hazel Wong zurück ans Internat Deepdean, wo fünf ältere Schülerinnen, angeführt von ihrer Freundin Elisabeth Hurst, die Jüngeren nicht nur massiv schikanieren, sondern auch private Geheinnisse ausspionieren und herumtratschen. Als Elisabeth tot aufgefunden wird, glauben zunächst alle an einen tragischen Unfall... nur Daisy und Hazel vermuten einen Mord. Ihre Verdächtigen haben sie schnell eingekreist: es sind die fünf Mädchen aus dem Dunstkreis der Toten, die vielleicht doch nicht so gut mit Elisabeth befreundet waren, wie alle dachten.

Der vierte Fall ist durchweg überzeugend und fesselnd. Daisy und Hazel lösen ihn wieder bravourös durch heimliches Bespitzeln, Befragungen und Kombinieren, ganz nach klassisch-britischer Detektivart. Mitraten ist zwar schwierig, weil natürlich mehrere Personen für den Mord in Frage kommen, aber die Rückschlüsse der Mädchen sind wie immer gut nachvollziehbar und werden regelmäßig im Fallbuch "handschriftlich" festgehalten und auf den neusten Stand gebracht, so dass man einen guten Überblick über die Ermittlungen behält. 

Ein dickes Lob für die Charakterentwicklung von Daisy und Hazel. Es ist klasse zu sehen, wie beide nicht nur älter werden, sondern auch reifer. Hazel ist inzwischen viel mutiger. Sie traut sich, der dominanten Daisy, wenn es sein muss, zu widersprechen. Davon ist Daisy natürlich nicht begeistert und es kommt im vierten Buch zu einigem Streit, aber auch zu Versöhnungen und wertvollen Einsichten. Robin Stevens widmet sich dieses Mal Themen wie Mobbing und Machtmissbrauch und schreibt dabei Freundschaften und Toleranz besonders groß. Die Mädchen lernen, dass man am stärksten ist, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht und Respekt im Umgang mit anderen die Grundlage für ein gutes Miteinander ist. In diesem Zusammenhang hat es mich besonders gefreut, dass viele alte Bekannte stärker in die Handlung mit einbezogen werden. Dadurch gelingt die Dynamik unter den Charakteren um einiges besser und der Eindruck einer Entwicklung verstärkt sich. Ich könnte mir gut vorstellen, Hazel und Daisy noch viele Jahre lang weiter zu begleiten. Die Serie ist auf einem konstant hohen Niveau, weder die Protagonisten noch die Fälle werden langweilig.   

Dabei erfindet Robin Stevens nicht nur fantastisch kindgerechte Krimis im Agatha-Christie-Retro-Stil, sondern webt interessante politische Details in die Handlungen ein. Vom judenfeindlichen Hitler-Deutschland über die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft bis hin zu engstirniger Homophobie schimmert immer wieder der Zeitgeist durch. Das alles in so spielerischer Form, dass die Bücher nie angestaubt oder belehrend, aber immer lehrreich wirken. Die Autorin begegnet ihren jungen Lesern auf Augenhöhe, liefert altersgerechte Unterhaltung, platziert ihre Plots aber nicht in einer rosawattebauschigen Fantasiewelt, sondern nimmt auch das kindliche Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit ernst. Und obwohl es in jedem Buch um Mord geht, wird im Laufe der Geschichten immer sehr behutsam für die Hintergründe sensibilisiert.

Einziges kleines Manko des neuen Falls: Die Vielzahl an Charakteren lässt das bunte Treiben an der Deepdean beeindruckend lebendig erscheinen, anfangs aber auch etwas unübersichtlich. Etliche Male musste ich zum Personenverzeichnis zurückblättern und konnte insbesondere den fünf Verdächtigen ihre jeweiligen Hintergründe erst nach einer Weile richtig zuordnen. Deren Besonderheiten hätte man zu Beginn etwas feiner herausarbeiten können.

Fazit: Zum ersten Buch hatte ich noch etwas Kritik, seitdem hat mich jeder weitere Band der Reihe begeistert. "Feuerwerk mit Todesfolge: Der vierte Fall für Wells & Wong" war Lesespaß pur - von der Charakterentwicklung, über die lehrreichen Botschaften, den Humor, viel turbulentem Internatsrummel und spannender Detektivarbeit ist der neue Fall wieder rundum gelungen. Von mir eine Empfehlung von ganzem Herzen für diese besondere Kinderkrimiserie.




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Original: Jolly Foul Play (A Wells & Wong Mystery)
Übersetzung: Nadine Mannchen
Hardcover: 288 Seiten
Verlag: Knesebeck
Erscheinungsdatum: 15. März 2018
ISBN: 978-3957280541
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
 

Kommentare:

Kathrin Rania hat gesagt…

Ich hatte diese Reihe schon einige Male im Auge. War aber unsicher. Ich liebe ja Flavia de Luce und da mag ich auch gerade die Mischung aus 50er Jahre Flair und ihrem Sarksasmus. Würdest du sagen, dass diese Reihe in eine ähnliche Richtung geht?

Lex hat gesagt…

Ich habe nur den ersten Teil von Flavia de Luce gelesen, es ist schon eine Weile her. Spontan würde ich dir empfehlen, es mal mit Wells und Wong zu probieren, obwohl ich die Reihe insgesamt ein bisschen "kindlicher" einstufen würde aufgrund der Ermittlungsweise (viel belauschen!), auch wenn es andererseits immer um Mord geht und ich bisher noch keinen einzigen Fall selbst auflösen konnte. Der Humor ist nicht ganz so trocken wie bei Flavia, aber sehr schön und insgesamt steigert sich die Serie meiner Meinung nach... vom ersten Buch war ich noch nicht so begeistert, wie von den Nachfolgern. Versuch es einfach mal. Ich hoffe, die Geschichten gefallen dir.
LG

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