Freitag, 29. September 2017

[Rezension] "Kukolka" von Lana Lux

"Kukolka" von Lana Lux, Roman
Bildquelle: Aufbau Verlag
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Leid einige Menschen ertragen können, ohne selbst daran zu zerbrechen. Man braucht eigentlich nur mit offenen Augen durchs Leben gehen, um Menschen zu begegnen, denen das Schicksal hart zugesetzt hat. Samira, die literarische Hauptfigur aus dem Roman „Kukolka“ ist so ein Mensch. Diese wuchs in den 90’er Jahren in der Ukraine auf, die sich immer noch im Freudentaumel über die neu gewonnene Freiheit von der Sowjetunion befand. Samira könnte man als ein Überbleibsel des vergangenen Regimes deuten, die man einfach auf einem riesigen Scherbenhaufen zurückgelassen hat. Sie wurde in ein System geboren, welches nicht mehr existent ist und von ihren Eltern in ein Heim abgeschoben. Eines ist Samira mit ihren 7 Jahren klar: Um Freiheit und Wohlstand – von dem neuerdings alle träumen - zu erlangen und dieses schreckliche Kinderheim mit seinen noch viel schlimmeren Regeln hinter sich zu lassen, muss sie abhauen, ohne zurückzublicken. Zurück bleibt allerdings auch ihre Hoffnung darauf von einem deutschen Paar adoptiert zu werden, wie ihre einzige Freundin Marina.

Samira wird von einer großen Sehnsucht angetrieben, die wahrscheinlich jeder Mensch in sich trägt: Sie sehnt sich nach etwas Halt und ist auf der Suche nach etwas oder jemanden an den sie sich klammern kann, denn nur so kann man in dieser Gesellschaft überleben. Etwas Halt, wenn auch zwielichtig, findet sie nach ihrer Flucht aus dem Heim in einer etwas sonderbaren Gemeinschaft von Kindern, die von einem Mann namens Rocky beherbergt. Und das tut Rocky nicht etwa, weil ihm die Kinder so am Herzen liegen. Nachdem er Samira den Spitznamen Kukolka (Püppchen) gegeben hat und sie mit vielen Versprechungen – wie eine Fahrkarte nach Deutschland -, Schokolade und Bonbons gelockt hat, wird auch sie, wie alle anderen Kids, auf die Straße geschickt, um zu betteln und zu klauen, damit Rocky sich seinen neuen Wohlstand erhalten kann. Von nun ab führt Samira ein Leben am Rande der Gesellschaft. In dieser schicksalhaften Lebensgemeinschaft verbringt der Leser einige Kapitel und erlebt einige eindringliche, aber auch schockierende Szenen, in denen es um Gewalt und Ausbeutung geht. Aber auch nachdem Samira es geschafft hat, dieses Leben für ein vermeintlich schöneres zu verlassen, geht es leider nicht bergauf. Der wunderschöne junge Mann, der sie aus ihrem Schlamassel herausholen möchte, ist leider mehr Schein als Sein und Samira gerät immer weiter in einen Strudel von Brutalität und sexuellen Übergriffen. Doch ihren Traum gibt sie nie auf …

„Wer bist du?“, fragte ich. „Wer bist du?“, fragte die Gestalt zurück. „Ich? Ich bin niemand.“ „Das ist gut. Wer niemand ist, kann alles werden.“ Seite 160

Gerade in den ersten Kapiteln hat mir die Autorin Lana Lux eines klar gemacht: Dies ist kein kuscheliges Buch, das schonend mit den Lesern umgeht. Es ist gnadenlos realistisch, wühlt auf und schockiert. Es macht traurig und manchmal stehen einem auch die Tränen in den Augen, aber wegsehen ist unmöglich. Es gibt keinen Schwenk in die Belanglosigkeit, um die schonungslosen Ereignisse auszublenden. Aber mal ehrlich: Das gibt es im wahren Leben ja auch nicht. Für mich persönlich waren Samiras Träumereien, die sie angetrieben haben weiterzumachen und weiter zu hoffen, das Aufbauenste in diesem Buch. Denn immer wenn ich mich während des Lesens fragte wie lange Samiras Kinderseele das ganze Geschehen um sie herum noch erträgt, ohne daran zu zerbrechen, fing sie an zu träumen und malte sich das Wiedersehen mit ihrer Freundin in Deutschland aus.

Samira ist eine erstaunliche literarische Figur, die mich sehr für sich eingenommen hat. Fasziniert hat mich vor allem ihre charakterlichen Gegensätze. Denn oft wird ihre kindliche Naivität von einer ausgereiften Abgeklärtheit abgelöst. Während des Lesens verliert man oft das Gefühl für Samiras Alter, weil ihre Taten meist sehr bedacht sind.

„Ich beneidete die anderen Mädchen aber nicht lange für ihr tolles früheres Leben mit Eltern, Schule, Freunden und einem Zuhause. Mir war nämlich klargeworden, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.“ Seite 326

Lana Lux hat mit ihrem gnadenlos realistischen Debüt „Kukolka" einen Roman geschrieben, der sich mir buchstäblich ins Gedächtnis gebrannt hat. Nicht nur wegen dem sehr präzisen Schreibstil von Lana Lux, der keine Fragen aufkommen lässt und eine ganz eigene Poesie inne hat. Die Autorin hat mich mit ihrer Handlung um das Straßenmädchen Samira gleichermaßen abgestoßen und fasziniert, und auch nachdem ich „Kukolka“ schon einige Wochen beendet habe, begleitet und bewegt mich Samiras Schicksal immer noch.


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Kukolka von Lana Lux 
Gebundene Ausgabe: 375 Seiten 
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungstermin: 18. August 2017
ISBN: 978-3351036935

Kommentare:

Ina Vainohullu hat gesagt…

Ja. Ja, ich brauche das Buch definitiv. :) Ich liebäugel ja schon eine Weile damit, aber weil ich grad für die Messe sparen muss hab ichs noch nicht gekauft. Aber jetzt brauch ichs dann wohl doch bald.

Sehr tolle Rezension. Hat mich noch neugieriger gemacht.

Liebe Grüße Ina

Lex hat gesagt…

Es klingt richtig gut, Katrin. Aber auch unfassbar schrecklich... Für soviel Realität muss ich in der richtigen Verfassung sein. Aber ich behalte dieses Buch im Auge und auch die Autorin, die ja offensichtlich sehr talentiert ist.

Liebe Grüße
Alex

Kathrin Everdeen hat gesagt…

Hallo ihr Lieben,

@Ina
Danke :-) Ich kann es dir nur ans Herz legen, aber es geht einem ganz schön an die Nieren.

@Lex
Ja, in dieser Geschichte passieren unfassbar schreckliche Dinge und trotzdem ist die Hauptfigur einfach soooo faszinierend.Versuch es einfach mal.

Liebe Grüße

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