Mittwoch, 11. Oktober 2017

[Rezension] „Ginny Moon hat einen Plan“ von Benjamin Ludwig

„Ginny Moon hat einen Plan“ von Benjamin Ludwig
Bildquelle: HarperCollins
Benjamin Ludwig wollte ein Buch schreiben, das für die Bedürfnisse von Menschen sensibilisiert, denen es schwer fällt, für sich selbst einzutreten. Menschen, die durch Behinderungen eingeschränkt sind oder aus anderen Gründen nur schwer ein Gefühl für die eigenen Wünsche entwickeln und diese ebenso schwer äußern können. Mit „Ginny Moon hat einen Plan“ ist ihm dies auf eindrucksvolle Weise gelungen.

Sein Debüt erzählt von den Nöten der 14jährigen autistischen Ginny. Ginny wurde mit neun Jahren von ihrer leiblichen Mutter getrennt, weil sie von dieser vernachlässigt und körperlich misshandelt worden ist. Obwohl Ginny selbst klar ist, wie schlecht ihre Mutter für sie gesorgt hat, hat sie auch nach vier Jahren und drei verschiedenen Pflegefamilien den unbändigen Wunsch nach Hause zurück zu kehren. Warum das so ist, dafür bekommt man als Leser recht schnell ein Gefühl. Gleichzeitig erlebt man, wie schwer es für Ginny ist, sich ihrer Umwelt mitzuteilen und verstanden zu werden, da ihr Wesen sie auf eine völlig andere, sehr besondere Weise kommunizieren lässt. Ginny nimmt alles wörtlich und meint alles wörtlich und so versucht sie immer wieder, ihren Pflegeeltern klar zu machen, worum es ihr geht, wird aber immer missverstanden. Schließlich wird sie erfindungsreich und schmiedet einen Plan.

Ginnys Geschichte hat mich mitgenommen - und zwar im wörtlichen Sinne, auf eine Reise in eine vollständig andere Gedankenwelt. Das Buch ist vermutlich bis zu einem gewissen Grade das, was man Lesen außerhalb der Komfortzone nennt, weil man sich auf eine so andersartige Sichtweise einstellen muss. Gleichzeitig hat der Roman großen Unterhaltungswert, ist auf eine leise Weise spannend und humorvoll. Ginnys Weg besticht dabei nicht durch übertrieben-aufregende Abenteuer, sondern durch kleine, turbulente Wendungen und eine schrittweise Zuspitzung der Situation, vor allem aber durch die Einzigartigkeit der Protagonistin selbst, die für mich eine der ü
berzeugendsten literarischen Figuren in diesem Jahr ist.

Über die Ich-Perspektive lässt uns der Autor an allen Gedanken teilhaben. Es ist anfangs nicht leicht zu begreifen, warum Ginny so unbedingt zu ihrer drogensüchtigen Mutter zurückkehren möchte. Immer wieder spricht sie von ihrer Babypuppe, die sie vor Jahren in einem Koffer versteckt hat. Allen Lesern, die sich vielleicht an der Häufigkeit der Begriffe "Babypuppe" oder "Herzenseltern" stören, empfehle ich, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, später werden diese Wiederholungen  weniger. Sie zeigen, mit welcher Intensität Ginnys Gedanken um bestimmte Dinge/Personen kreisen und waren für mich daher schlussendlich mehr als nachvollziehbar. Das Verstehen setzt aber erst nach und nach ein, ist nicht von Anfang an gegeben, sondern wächst mit dem Gespür für Ginnys Art zu denken.

Die Frage, wie der im Titel erwähnte Plan (eigentlich sind es sogar mehrere Pläne) am Ende gelingen kann, hat mich neugierig durch die Seiten geführt. Ob die Gedankenwelt der Protagonistin, so wie sie der Autor darstellt, dabei 1:1 der Realität entspricht, kann ich schwer beurteilen, gehe aber davon aus, dass sich Ludwig ausgiebig mit der Thematik befasst und viele Aspekte von Autismus in seiner literarischen Figur gebündelt hat. Auf mich wirkte die Beschreibung absolut authentisch.

Nicht immer reagieren die Charaktere allerdings so, wie man es sich wünscht, auch wenn vieles nur allzu nachvollziehbar ist. Hier sei etwa Ginnys Pflegemutter genannt, die sich nach der Geburt eines eigenen Babys von Ginny zurückzieht und ihr den Umgang mit dem Neugeborenen verbietet. Das zu erleben, war für mich sehr bewegend, was letztlich zeigt, wie gut und überzeugend die Geschichte gemacht ist. Möglicherweise hätte man aus dramaturgischen Gründen einige Seiten einsparen können, da man ab einem bestimmten Zeitpunkt ahnt, in welche Richtung sich alles bewegt. Trotzdem lesen sich die knapp 400 Seiten äußerst kurzweilig, so dass ich das Buch an zwei Nachmittagen regelrecht verschlungen habe.

Fazit: Viele autistische Protagonisten bereichern inzwischen die Welt der Bücher - diese Vielfalt ist wichtig und richtig, denn sie weckt Verständnis und weitet den Horizont. „Ginny Moon hat einen Plan“ von Benjamin Ludwig gelingt dieses Kunststück auf beeindruckend leicht wirkende Weise - es ist ein unterhaltsam-fesselndes und dennoch bewegendes, besonderes Stück (Coming-of-Age)Literatur. Ich werde dieses Buch sicherlich nicht so schnell vergessen, dafür umso öfter verschenken, da es meiner Meinung nach zu den kleinen Schätzen auf dem Buchmarkt zählt.


Ginny Moon hat einen Plan von Benjamin Ludwig

Originaltitel: Forever Girl 
Übersetzung: Edith Beleites
Hardcover: 380 Seiten
Verlag: HarperCollins

Erscheinungstermin: 11. September 2017
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3959670999

Kommentare:

Anja Druckbuchstaben hat gesagt…

Hallöchen Lex,

ich lese immer wieder gerne deine Rezensionen, denn ich finde, du kannst wirklich gut mit Worten umgehen!
Ginny Moon klingt nach jemandem, den man unbedingt kennen lernen sollte und genau deshalb wandert das Buch auf meine Wunschliste. Ich befürchte allerdings schon jetzt, dass mich diese Geschichte sehr mitnehmen wird. Ich habe schon immer einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Mitgefühl. Das wird sicher nicht einfach =).

LG
Anja

Lex hat gesagt…

Hi Anja,

das ist aber lieb, danke. Dabei habe ich speziell bei dieser Rezension das Gefühl, einfach nicht die richtigen Worte gefunden zu haben, weil es so schwer ist, das Lesegefühl und die Perspektive zu vermitteln. Umso mehr freut es mich, dass das Buch auf deine Wunschliste wandert.
Ja, vieles kommt einem beim Lesen extrem ungerecht vor - trotzdem kann man alles gut nachvollziehen und auch verstehen, wie schwierig es einerseits für Ginny, aber auch für ihre Mitmenschen ist. Gleichzetig ist das Buch durchgehend unterhaltsam, also keine Angst. :-) Mir hat es super gefallen.

Liebe Grüße
Alex

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