Samstag, 13. Mai 2017

[Rezension] "Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete" von Holger Michel

Wir machen das: Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete von Holger Michel
Bildquelle: Kiepenheuer & Witsch
Kaum ein Thema war 2015/2016 so emotional aufgeladen wie die „Flüchtlingskrise“. Das tragische Schicksal vieler, hunderttausender Menschen, die nach Deutschland kamen (und immer noch kommen), um Schutz vor Krieg, Verfolgung und Hungersnot zu suchen, rief Bestürzung und Anteilnahme hervor, aber auch Gefühle von Hilflosigkeit und Angst. Beschämenderweise auch Ablehnung, Unverständnis und Hass. Jetzt ist ein überraschend unaufgeregtes, sachliches und humorvolles Buch erschienen, das die Perspektive auf diese komplexe Thematik auf ungewöhnliche Weise bereichert - der Erfahrungsbericht eines ehrenamtlichen Helfers.

Holger Michel, Mitte 30, betreibt in Berlin eine Kommunikationsagentur und landete im September 2015 „[…] ungeplant, unvorbereitet und mäßig motiviert“ S. 9 in einer der heute größten Notunterkünfte der Stadt. Und ist geblieben. Die Energie und der Aktionismus der Helfer sprang auf ihn über und hat ihn gepackt. Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen, Holger Michel hat sich zum Pressesprecher der Freiwilligen gemausert und zieht Bilanz. Von seinen Erfahrungen mit alltäglichen Schwierigkeiten im Zusammenleben mit hunderten unterschiedlichster Menschen, von Kämpfen mit Behörden, Medien und Politikern, prominentem Besuch, Kulturschock, ausgelöst durch Harzer Käse, Feiern mit den Party-Persern, dem Ausbruch der Krätze, persönlichen Anfeindungen und vielem mehr berichtet er informativ, amüsant und nüchtern in „Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete“.

Der Autor erzählt temporeich und lässt den Blick über viele Aspekte schweifen, die zahlreich und von allen Seiten auf die Helfer einprasselten. Lässig, pointiert und sprachgewandt verschafft er Überblick über die enorme Bandbreite logistischer und zwischenmenschlicher Probleme, deren Ausmaß ich so nicht vermutet hätte, weil mir viele Fragen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Wie kontrolliert man hunderte von überdrehten Kindern auf engem Raum? Wie beschäftigt man Menschen, die den ganzen Tag nichts zu tun haben und beginnen sich über jede Kleinigkeit zu streiten? Wie bringt man Leute dazu, ihren Müll NICHT einfach aus dem Fenster zu werfen? Geradeheraus und unverklärt gewährt Holger Michel Einblick in viele Belange seiner Arbeit.

„Gab es sexuellen Missbrauch, Gewalt und Diebstahl durch Geflüchtete? Leider ja. Wir hatten über eine Million Menschen in Deutschland aufgenommen (jedenfalls glaubten wir das, in Wahrheit waren es 200.000 weniger [….]) Natürlich waren unter diesen Menschen Verbrecher, Mörder, Vergewaltiger und einfach grundunsympathische Typen." S.144

Den Kommunikationsexperten meint man jedoch mehr als einmal herauszuhören, denn persönliche Bekenntnisse sind ebenso knapp gehalten wie alles andere. Ganz zu fassen bekommt man ihn nicht, den Menschen Holger Michel - weder in, noch zwischen den Zeilen, was ich ein klein wenig schade fand. Gleich anfangs berichtet er von einem Mann, dessen Frau und Kinder während der Flucht gestorben sind, erzählt, dass ihn dieses Schicksal mitgenommen habe, dass er geweint habe - dieses eine Mal, danach nie wieder. Diese Passage hat mich regelrecht stocken lassen. Weil sie aus dem Ton des Buches herausragt und in dieser Kürze fast ein wenig seltsam anmutet. Denn fast sofort leitet der Autor in flottem Jargon über zu anderen Themen. Welche seelische Tragweite also Sätze wie folgender wirklich für Holger Michel hatten, darüber kann ich nur spekulieren:
„Dieser schmale Grat zwischen Härte und Abstumpfung, Mitgefühl und Mitleid, ihn zu finden sollte eine der Herausforderungen werden.“ S.57

Es entsteht jedoch das Bild von einem, der einfach mit anpackt, der nicht lange nachdenkt, sondern das tut, was er für das Naheliegende hält - unter enormem persönlichen Zeitaufwand und in dem Bestreben, dass die Menschen, die zu uns kommen "Gleichheit und Menschenwürde" erfahren. Dabei artet das Buch weder in persönliche Innenschau aus, noch in missionarischen Eifer.

Der Bericht liest sich angenehm ausgewogen, auch rein formal, da die Kapitel übersichtlich-kurz gehalten sind und meist sinnvoll aufeinander aufbauen. Geht es anfangs vor allem um das Hineinwachsen in die neuen Aufgaben und ums schlichte Machen, werden im Mittelteil organisatorische Schwierigkeiten benannt, um schließlich zu „äußeren“ Problemen im Zusammenhang mit Medienberichterstattung, der Wahrnehmung der Flüchtlingsfrage nach der Silvesternacht von Köln und im Kontext von Terroranschlägen, überzugehen. Es werden Fragen der Integration sowie rechtlich-behördliche Vorgänge beleuchtet, teilweise laufen alle diese Dinge zwangsläufig aber auch chaotisch ineinander - gespickt mit Alltagserlebnissen und immer die konkrete Bedeutung für die Betroffenen im Blick.

Ich habe die 285 Seiten an einem Nachmittag, in einem Rutsch gelesen (denn es lässt sich wirklich flott lesen). Und auch, wenn mich nicht alle Abschnitte gleichermaßen in den Bann ziehen konnten und viele Themen aufgrund ihrer Fülle nur sehr oberflächlich angerissen werden, habe ich diesen abwechslungsreichen und sympathischen Informationsfluss doch genossen. Die Stärken empfand ich jedoch immer dann am größten, wenn Michel verweilt und genauer hinsieht. Sei es, wenn er Einzelschicksale schildert, oder kleine Anekdoten zum Besten gibt, z. B. die von der Dame, die eines Tages eine ungewöhnliche Spende abgibt: "Ich möchte abnehmen. Deswegen spende ich dieses tiefgefrorene Hühnchen.“ S. 78, oder wenn er tatsächlich mal unverblümt Ärger über Freunde rauslässt, die zuschauen aber nicht mit anpacken. Wenn er von dem Lernprozess berichtet, der notwendig war, um seinen Mitmenschen die eigene Entscheidungsfreiheit zuzugestehen.

„Wir machen das“ spielt auf Merkels Ausspruch „Wir schaffen das“ an und übersetzt den Satz in das, was daraus folgt - in die Tat und damit auch in meinen Eindruck von diesem Buch, das eine enorme Energie und gleichzeitig eine entspannte Normalität ausstrahlt. Als Sprecher der Freiwilligen möchte Holger Michel mit dieser Veröffentlichung natürlich Menschen für die Sache sensibilisieren ... wer will ihm das vorwerfen? Aber als Werbebuch oder gar als persönliche Profilierungsplattform habe ich dieses kurzweilige, informative, humorvolle, manchmal traurige, immer unverblümte und - ja, bisweilen etwas glatte - Sachbuch mitnichten verstanden. Mir hat's gut gefallen und ich empfehle es allen, die sich dem Thema "Flüchtlingsfrage" mal abseits der großen Politik aus einem ganz pragmatischen Blickwinkel heraus nähern möchten.





Wir machen das: Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete
von Holger Michel
Broschiert: 288 Seiten
Erscheinungstermin: 9. März 2017
Verlag: KiWi-Paperback
ISBN-13: 978-3462050097

Kommentare:

Erdbeertörtchen hat gesagt…

Hallo Lex,

danke für Deine schöne Rezi!
Ja, es ist klar, dass bei einer so hohen Zahl an Menschen nicht alle gut und nett sind. Ich finde es bei der ganzen Ausländer-Debatte einen schmalen Grad, den die meisten nicht finden, dass ein Mensch ein Arschloch sein kann, ganz unabhängig von der Hautfarbe. Manche Flüchtliche vergewaltigen, manche Europäer auch. Aber es ist eben die Angst der Menschen, die ja auch verständlich ist. Salop gesagt: 100 deutsche Vergewaltiger langen, da will man nicht noch 100 ausländische Vergewaltiger.

Ich werde mir das Buch mal merken.
Liebe Grüße
Lilly

Lex hat gesagt…

Hi Lilly. Ja, es ist einfach blöd, wenn in die eine oder andere Richtung alles über einen Kamm geschoren wird. Weder sind Menschen immer nur gut, noch immer schlecht - egal welche Nationalität sie haben. Man muss alles im Verhältnis sehen.
Ich hatte in einem Kommentar zu dem Buch gelesen, dass jemand es tendenziös (also verklärend) fand...deswegen habe ich das Zitat, auf das du dich beziehst, ausgesucht, denn ich finde, man bekommt echt ein gutes Gefühl für den realen Alltag der Helfer und Flüchtlinge mit vielen schönen aber eben auch weniger schönen Momenten und trotzdem wirkt alles sehr bodenständig und lösungsorientiert, einfach weil es offen thematisiert und in Relation gesetzt wird. Wenn du dich für das Thema interessierst, kann ich dir das Buch wirklich empfehlen. Es ist zwar recht knapp gehalten, gibt aber einen guten Überblick und ist teilweise sehr unterhaltsam.

Liebe Grüße
Alex

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