Sonntag, 30. April 2017

[Rezension] "Sakura. Die Vollkommenen" von Kim Kestner

"Sakura. Die Vollkommenen" von Kim Kestner, Jugendbuch
Bildquelle: Arena Verlag
Die Jugenddystopie „Sakura. Die Vollkommenen“ durfte ich innerhalb einer Leserunde auf lovelybooks kennenlernen und war positiv überrascht, weil hier einiges sehr viel radikaler und ungeschönter umgesetzt wurde, als dies in anderen Büchern des Genres der Fall ist. Autorin Kim Kestner hat eine düstere, schmutzige und in vielerlei Hinsicht kranke Welt erschaffen, die mich von der ersten Seite an fesseln konnte. Ein echter Lesemagnet war für mich vor allem Protagonistin Juri mit ihrer unverfälschten, autonomen Art. Kim Kestner folgt nicht dem weitverbreiteten Klischee des schüchternen, gutaussehenden Mädchens, das plötzlich über sich hinauswächst und nebenbei das Herz des arroganten Bad Boys gewinnt, sondern hat Mut zur Unperfektion und verleiht einer unterhaltsamen Handlung damit jede Menge Authentizität.

Das Setting ist klaustrophisch und anfangs geheimnisvoll, da man die Hintergründe als Leser nicht sofort begreift, sondern diese erst nach und nach entschlüsselt. Juri lebt in einem riesigen Bunker, in der untersten einer Reihe von Ebenen, in der Menschen unter ärmlichsten Bedingungen um ihr Überleben kämpfen. Eines Tages ergibt sich für Juri die Chance, endlich in das oberste Stockwerk zu gelangen. Der Kaiser - angeblich direkter Nachfahre der Göttin Amaterasu - möchte den Stärksten und Klügsten Einlass in sein Reich gewähren. Juri gelingt es, sich mit einer List unter die Auserwählten zu mogeln, unwissend, dass die Besten in einem knallharten Test erst noch herausgesiebt werden sollen.

Wie es sich für eine Dystopie gehört, schwingt viel Sozialkritik in der Geschichte mit. Homosexualität kommt zur Sprache, der Umgang mit Behinderungen, Krankheit und jede Form von Anderssein, Unterdrückung und Ausbeutung, blinder Aberglaube. Themen, die Kim Kestner in der realen Welt findet und auf rund 400 Seiten komprimiert zu einer erschreckenden und bedrückenden Zukunft verflicht. Die Stimmung ist dunkel und traurig. Und sie springt sofort über, weil man einen bildhaften Einblick in das harte und einsame Leben von Ich-Erzählerin Juri gewinnt, die sich ihre tägliche Reisration mit schwerer Arbeit in der Leichenhalle verdient und sich ein tristes Zuhause in dem gewaltigen Rohrsystem der Ebene geschaffen hat.

Es klingt womöglich recht trostlos (und ist es teilweise auch), aber gleichzeitig war alles so interessant, facettenreich und dynamisch gemacht, dass ich mich keine Minute gelangweilt habe. Nicht zuletzt aufgrund des leichten und lebendigen Schreibstils, der nur so durch die Seiten fliegen lässt. Schnell leitet Kim Kestner außerdem zu einer spannenden Rahmenhandlung über, die an Bücher wie „Die Auslese“ oder „Die Tribute von Panem“ erinnert, die sich aber doch anders entwickelt und immer die Hintergründe, den negativ überzeichneten Gesellschaftsentwurf, im Auge behält.
Auf fantasievolle Weise fließen auch Elemente der japanischen Kultur ein, jedoch nicht so üppig, wie ich angesichts des Titels (Sakura = Japanische Kirschblüte) angenommen hatte. Sie verleihen der Geschichte punktuell jedoch ein besonderes Flair.

Juri habe ich sofort ins Herz geschlossen. Ich war von Anfang an bei ihr, weil sie ehrlich und natürlich ist und auch Fehler hat. Da Juri viele Dinge nicht kennt, erscheint sie manchmal ein bisschen naiv, was aber gewollt ist und echt wirkt. Ihr Weg  nach "oben" ist eine kleine Entdeckungsreise - für Juri selbst und auch für den Leser. Sehr sympathisch ist, dass sich Juri innerhalb der Geschichte von einer verschlossenen Einzelkämpferin zu einer verantwortungsvollen Teamplayerin entwickelt, Freunde findet und lernt, Hilfe anzunehmen. Auch die Liebesgeschichte, die verhältnismäßig wenig Raum einnimmt, empfand ich - obwohl sie sich etwas zu schnell anbahnte - als angenehm und nicht zu übertrieben.

Sakura ist für mich - das Wortspiel liegt so verlockend nahe ;-) - trotzdem kein vollkommenes Buch. Einige Ereignisse, vor allem mit Blick auf die Prüfungen und das Ende, passierten mir zu schnell und unübersichtlich und die Nebencharaktere waren für mich nicht immer greifbar. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass zuviel Handlung auf zu wenigen Seiten untergebracht wird, was bei dieser themenreichen Geschichte zu Lasten der Tiefe geht. 50 Seiten mehr hätten sicher nicht geschadet. An einigen Stellen schien mir das Glück Juri auch ungewöhnlich hold zu sein. Auch hier hätte man - mit mehr Erzählspielraum - einiges vielleicht noch glaubwürdiger rüberbringen können.

Was zählt, ist, was am Ende bleibt - und das ist ein ausgesprochen guter Eindruck von einer Dystopie made in Germany. Die Welt von „Sakura. Die Vollkommenen“ wirkte in ihrer Ungeschöntheit  authentisch und Heldin Juri habe ich sehr gemocht. Da die Geschichte teilweise bedrückend ist, sollte sie aber wohl tatsächlich erst ab frühestens 14 Jahren gelesen werden. Einige Themen können in diesem Alter einfach besser eingeordnet und verarbeitet werden. Nichtsdestotrotz ist "Sakura" ein unterhaltsamer Spannungsroman, der in einem mühelos wirkenden Schreibstil verfasst ist und der kleine Unschärfen hinter dem großen und guten Ganzen für mich zurücktreten lässt. Die Printausgabe erscheint übrigens im Juni, das e-book gibt es schon jetzt.



Sakura. Die Vollkommenen von Kim Kestner
Verlag: Arena/digi:tales
e-book: 408 Seiten
Erscheinungsdatum: 23. Märt 2017
ISBN: 978-3-401-84001-7
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

Kommentare:

Kathrin Everdeen hat gesagt…

Das hört sich richtig gut an! Vielleicht sollte ich die Dystopien doch noch nicht aufgeben?

Liebe Grüße

lex hat gesagt…

Obwohl die Idee mit den Prüfungen vielleicht nicht unbedingt neu ist, gab's für mich hier spannende Sachen zu entdecken. Ich fand es vor allem klasse, dass die Protagonistin so anders war. Teilweise dachte ich nur, vielleicht hätte man (wie ursprünglich mal überlegt) doch eine Dilogie draus machen sollen. Einige Szenen hätte man noch soviel mehr ausreizen können. Aber gut, ein Einzelband ist natürlich auch schön. :-)
Ebooks kann man ja leider nicht verleihen, sonst würde ich es dir sofort schicken.
Liebe Grüße zurück

Tina Hagelstein hat gesagt…

Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen. Ich liebe es das Juri ihren eigenen Weg geht besonders zum Ende hin. Sie verfolgt ihrem Traum auch wenn alle Umstände sich ändern. Das hat mit besonders gut gefallen

Meine lieblingsstelle ist etwas ist ein Hühner 😂
Lieben Gruss
Tina
www.meinbuchmeinewelt.de

lex hat gesagt…

Hi Tina, ich fand sowieso, das Buch war teilweise recht humorvoll, trotz der düsteren Stimmung. Lies sich echt flott lesen.
Liebe Grüße :-)

Kommentar veröffentlichen