Sonntag, 9. April 2017

[Rezension] "Nearly Dead: Am Ende stirbst du" von Elle Cosimano

"Nearly Dead: Am Ende stirbst du" von Elle Cosimano, Jugendbuch
Copyright: Kosmos
Die 16jährige Nearly Boswell ist kein normaler Teenager. Ihre Mutter ist Stripperin, ihr Vater vor Jahren verschwunden, sie selbst ist eine hochintelligente Ausnahmeschülerin mit der ungewöhnlichen Gabe, Gefühle anderer Menschen durch Berührung fühlen zu können. Nearly gerät ins Visier eines Serienkillers, der an ihrer Highschool auf Jagd geht. Vor jedem Mord erhält sie eine verschlüsselte Botschaft, die den Fundort des Verbrechens preisgibt. Damit erregt Nearly schon bald nicht nur die Aufmerksamkeit der Polizei, sondern auch die des charismatischen Reece.

Elle Cosimanos Debüt und Reihenauftakt „Nearly Dead: Am Ende stirbst du“ hat eigentlich alle Zutaten für einen originellen Jugendthriller. Leider wurde hier eine Menge Potenzial am Wegesrand liegengelassen. Vieles wirkte auf mich nicht ausgereift, angefangen beim Erzählstil bis hin zu den Charakteren. Vor allem Hauptfigur Nearly Boswell hat es mir nicht leicht gemacht. Was wirklich schade ist, denn anfangs machte Nearly einen guten Eindruck, selbständig, zielstrebig, tough, aber mit dem richtigen Gespür dafür, wann es sinnvoll ist, in ihrer zwielichtigen Gegend - ein ärmliches Wohnwagenghetto - unterm Radar zu bleiben. Hätte die Autorin ihre Figur in diese Richtung konsequent weiterentwickelt und sie außerdem mit mehr Einfühlungsvermögen ausgestattet, hätte ich mich, trotz einiger anderer Kämpfe, die ich mit dem Buch ausgetragen habe, sehr viel mehr für die Geschichte erwärmen können.

Das war leider nicht der Fall. Zunehmend habe ich mich über Nearlys Verhalten gewundert und den Kopf geschüttelt. Eigentlich macht sie in fast jeder Hinsicht einen recht egoistischen Eindruck. Ihre Freundin Anh betrachtet sie vorwiegend als Konkurrenz um ein Stipendium und gegenüber ihrem besten Freund Jeremy ist sie nicht ganz ehrlich. Wirklich sehr gestört haben mich aber ihre Reaktionen auf die Verbrechen, die verübt werden. Im Laufe der Story gibt es mehr als nur einen Toten. Doch nach jeweils kurzer Betroffenheit seitens Nearly, schien ihre einzige Sorge zu sein, nicht mit den Morden in Verbindung gebracht zu werden und den eigenen Hintern zu retten. Das machte mir Nearly nicht nur sehr unsympathisch, sondern hatte auf den gesamten Plot eine ungute Wirkung. Die Jagd nach dem Mörder geriet darüber ins Hintertreffen, wirkte teilweise geradezu bedeutungslos, so dass der Handlung, trotz gut platzierter Geheimnisse, der Entwicklungsspielraum fehlte.

Die Geschichte zerfaserte auch oft in Details, wie das Essen von Sandwiches oder dem Anziehen von Klamotten, die sehr genau beleuchtet wurden, während wichtige Dinge auf der Strecke blieben. Bestes Beispiel: Nearlys paranormale Gabe! Dieses Thema wurde allenfalls touchiert, gegen Ende nicht einmal mehr erwähnt. Es war ehrlich gesagt völlig überflüssig und hatte überhaupt keinen Sinn innerhalb der Geschichte. Keine Ahnung, was die Autorin hier geritten hat.
Man hätte es vielleicht besser weglassen sollen, da es völlig falsche Erwartungen weckt.

Als sehr zermürbend habe ich den Schreibstil empfunden. Trotz klarer, einfacher Sätze fühlte sich das Lesen häufig an, als müsste ich mich mit einem Buschmesser durch einen Dschungel diffusen Informationsinputs kämpfen. Die Autorin hat eine ungewöhnliche Erzählart, die viele Dinge anreißt und sehr sparsam mit Erklärungen ist. Für Nearlys Leben im Wohnwagenghetto und ihren Wunsch, den Sprung aus dem sozialen Abseits zu schaffen, habe ich erst nach vielen gelesenen Kapiteln ein echtes Gespür entwickeln können. Auch die Einordnung der Machenschaften einiger Nebencharaktere, allesamt Kleinkriminelle und Drogendealer, viel mir mehr als schwer, da sich die Figuren kaum voneinander zu unterscheiden schienen.

Mit dem Auftreten des mysteriösen Reece, der Bad Boy mit goldenem Herzen und stahlblauen Augen, gleitet die Handlung auch noch ins Klischeehafte ab. Und Nearly macht dabei keine sonderliche gute Figur. Obwohl sie sich Reeces’ dominanten Art zeitweise widersetzte, ließ sie sich ständig von ihm zu irgendetwas überreden (beispielsweise zu einem superknappen Blüschen mit gefühlt nur noch zwei geschlossenen Knöpfen) und dazu anleiten, sich vom Tatort aus dem Staub zu machen, was in Anbetracht ihres hohen IQ zumindest seltsam war. Der Lovestory-Anteil wirkte ansonsten auch eher halbgar und kam nicht wirklich zum Tragen, allerdings handelt es sich auch um eine Serie, so dass eventuell in den Fortsetzungen daran angeknüpft wird.


Die Auflösung ist dem Genre entsprechend nicht unbedingt glaubwürdig. Doch mit einer besseren Ausarbeitung der Geschichte und vor allem des Charakters Nearly Boswell hätte ich damit noch die wenigsten Probleme gehabt. Vor allem die unterschwellige Sozialkritik bietet einen interessanten Kontrast zu anderen Büchern des Genres und beinhaltet jede Menge Möglichkeiten, die meiner Ansicht nach nicht genutzt wurden.
 

Fazit: An "Nearly Dead: Am Ende stirbst du" hatte ich leider einiges auszusetzen. Die Charaktere sind teilweise flach und die Beweggründe von Hauptprotagonistin Nearly konnte ich oft nicht nachvollziehen. Zu kämpfen hatte ich auch mit der diffusen Erzählweise und dem achtlosen Blick auf brutale Verbrechen, so dass meine Neugier auf die Fortsetzungen eher gering ist.


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Originaltitel: Nearly Gone
Übersetzung: Stefanie Frida Lemke
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kosmos
Erscheinungstermin: 9. März 2017
ISBN: 978-3440146552
Altersempfehlung: 14 - 17 Jahre

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