Samstag, 15. April 2017

[Rezension] "All die verborgenen Dinge" von Sarah Moore Fitzgerald

"All die verborgenen Dinge" von Sarah Moore Fitzgerald, Kinderbuch
Bildquelle: Fischer Verlage
Manche Orte auf dieser Welt scheinen eine besondere Anziehungskraft für uns Menschen zu haben. Und wahrscheinlich kann sich jeder noch an genau die Orte aus seiner Kindheit oder Jugend erinnern, die man trotz eines elterlichen Verbotes immer gerne besucht hat. Womöglich hat dieses Verbot das Fleckchen Erde für seine Besucher noch viel reizvoller gemacht. 
Für Minty, der literarischen Hauptfigur aus „All die verborgenen Dinge“, gibt es auch so einen verlockenden Ort: Nettlebog, ein Stück Land mit einem tosenden Fluss. Das Verlockende an Nettlebog ist aber nicht nur, dass es scheinbar der einzige Platz auf der Welt ist, an dem sich Minty nicht verstellen muss und sagen kann, was sie denkt. Sondern auch Ned - der undurchschaubare Neue aus ihrer Klasse, den alle Mitschüler seltsam finden, weil ihm scheinbar alles egal ist - , der in einem Wohnwagen direkt am Flussufer lebt, ist ein weiterer Grund.

„Er ging mir ständig durch den Kopf. Der Junge, der im Wohnwagen lebte. Der Junge, der um Mitternacht ein großes Feuer machte und auf einem Autoreifen über den Fluss schwang, vor und zurück, und dabei laute, unverständliche Schreie ausstieß. Dieser Junge, von dem alle sagten, er tauge nichts.“ Seite 32

Für Minty ist Neds natürliche Wildheit sehr beeindruckend und die zwischen ihnen zart aufkeimende Freundschaft, lässt Minty die Welt mit anderen Augen sehen und sie erkennt, was anderen verborgen bleibt.

Sarah Moore Fitzgerald, die Autorin von „All die verborgenen Dinge“, ist für mich keine Unbekannte, denn vor über einem Jahr kredenzte mir diese Autorin mit „Das Apfelkuchenwunder oder Die Logik des Verschwindens“ einen literarischen Leckerbissen, der mich tief berührt hat. Dem entsprechend waren meine Erwartungen etwas höher, als bei anderen Büchern. Gespannt folgte ich Mintys Einführung in die Geschichte, ohne zu wissen, wer mir diese Geschichte erzählt. Ohne sich vorzustellen plaudert eine unbekannte Erzählerstimme - erst ertwas später erfährt der Leser, um wen es sich dabei handelt -, munter drauf los und berichtet von einem aufregenden Schultag, der zusammen mit einem neuen Schüler dafür verantwortlich ist, dass sich Mintys Leben für immer verändern wird. Jedoch gibt es für diese gravierende Veränderung auch noch andere familiäre Ursachen, über die uns Minty im Laufe der Geschichte berichtet. Wir Leser haben Teil an Mintys Schicksal und erleben, wie sie sich entwickelt und über sich hinauswächst.

Den ausdrucksstarken und bildhaften Schreibstil von Sarah Moore Fitzgerald erkennt man mit der ersten gelesenen Zeile und hätte ich mir jedes schöne und manchmal sehr poetische Zitat farblich im Buch gekennzeichnet, wäre mein Exemplar jetzt kunterbunt.

„Gerüchte sind nur Wörter. Sie schweben durch die Luft, von einer Stimme zu anderen, und sie sind unsichtbar. Komisch, wenn man sich überlegt, wie viel Macht sie trotzdem haben können. Manche schneiden wie spitze Messer, andere sind eiskalte Hämmer – sie können so viel Schaden anrichten, als wären sie reale Gegenstände, die herumfliegen und dich ins Gesicht treffen, wenn du es am allerwenigsten erwartest.“ Seite 67

Die vielen kurzgehaltenen Kapitel und die sehr flüssige Schreibweise machen es dem Leser sehr leicht durch die Zeilen zu fliegen. Und doch konnte mich die Autorin nicht komplett mit ihrer Geschichte überzeugen. Das lag vor allem an der sprunghaften Erzählweise. Sarah Moore Fitzgerald beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit vielen gewichtigen Themen, wie dem Erwachsenwerden, der Freundschaft, Vorurteilen, die Liebe zu Pferden und damit, wie Eheprobleme die Kindheit belasten können. Es gelingt ihr jedoch nicht, all diese an sich wunderbaren Elemente miteinander verschmelzen zu lassen. Es wirkt manchmal wie ein Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen. 
Durch die kurze und sprunghafte Abhandlung der vielen Themen fehlt es der Geschichte an Tiefe. 
Auch die literarischen Figuren sind leider nicht so bestechend und einige hätte die Autorin auch gut einsparen können, weil sie für die Geschichte unwichtig und noch dazu sehr blass wirkten.

Schon sehr lange fieberte ich dem Erscheinen von „All die verborgenen Dinge“ von Sarah Moore Fitzgerald entgegen und konnte es kaum erwarten, einen neuen literarischen Leckerbissen zu genießen. Jedoch wollte der Funke der Begeisterung dieses Mal nicht auf mich überspringen.




All die verborgenen Dinge von Sarah Moore Fitzgerald
Übersetzung: Adelheid Zöfel
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten 
Verlag: FISCHER KJB 
Erscheinungstermin: 23. März 2017 
ISBN: 978-3737351973 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren

Kommentare:

oh my fancy stuff hat gesagt…

Hallo,

das Buch steht auch ganz weit oben auf meiner WuLi, hoffentlich kann es mich überzeugen, denn eigentlich freue ich mich auch sehr darauf, es endlich zu lesen.

Liebe Grüße

Kathrin Everdeen hat gesagt…

Hey,

das hoffe ich auch. Denn eigentlich finde ich den Stil der Autorin sehr schön. Nur hat mir bei diesem Buch etwas gefehlt.

Liebe Grüße

Ina Vainohullu hat gesagt…

Meine liebe Katrin,

Auch hier sind wir mal wieder ganz einer Meinung. Leider hat auch mich das Buch nicht so wirklich überzeugen können und meine Kritikpunkte ähneln deinen sehr. Zu viele Themen, zu wenig Tiefe und zu blasse Charaktere und für mich wars außerdem zu viel Pferd :(

Aber da du jetzt schreibst das dich das Apfelkuchenwunder sehr berührt hat, geb ich dem Buch eine Chance. Es steht hier schon :)

Liebe Grüße Ina

BuboBubo hat gesagt…

Hallo Kathrin,
das Buch klingt wirklich toll :)
Liebe Grüße,
Kathrin

Kathrin Everdeen hat gesagt…

@Ina

Oh ja! Mach das bitte! Ich fand es sehr schön. Allerdings hat mich die Thematik auch sehr interessiert.

Du sagst es: Das Pferd war zu viel! Sie hätte sich mehr auf ihre Charaktere und deren Baustellen konzentrieren sollen. Das hätte völlig ausgereicht.

@BuboBubo

Wenn du es liest berichte bitte, ob es dir gefallen hat :-)

Liebe Grüße
Katrin

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