Freitag, 3. Februar 2017

[Rezension] "Daniel is different" von Wesley King

Daniel is different - Wesley King, Jugendbuch
Bildquelle: Magellan
Als ich die letzten Seiten von „Daniel is different“ von Wesley King gelesen hatte - inklusive des Nachwortes des Autors - musste ich schlucken. Ich hatte keine Ahnung, dass der Schriftsteller seit seiner Kindheit an Angststörungen und Zwangshandlungen leidet und Daniels Geschichte somit zum Teil seine eigene Geschichte ist. Dies erklärte allerdings, weshalb es Wesley King auf so eindringliche Weise gelungen ist, die Thematik in ein literarisches Schicksal umzusetzen.
Meine nächste Reaktion war: lächeln. Ich stellte mir vor, wie der Autor dieses Buch irgendwann – vielleicht schon vor langer Zeit – einmal geplant haben musste. Sein Anliegen wird es gewesen sein, möglichst viele Leute, vor allem junge Leute, für das Thema Angst- und Zwangsstörungen zu sensibilisieren. Wie aber schafft man das? Das Buch darf nicht zu schwermütig sein, wird er sich gedacht haben. Es müsste aber dennoch eine gute Vorstellung von dem Leid der Betroffenen vermitteln. Um Teenager anzusprechen, sollte in der Geschichte wohl Sport vorkommen. Am besten Football. Superhelden wären gut. Superhelden gehen immer. Dann natürlich Liebe und Verliebtsein und zuguterletzt sollte das Buch auch spannend sein, also wäre ein Kriminalfall denkbar. Wenn mir jemand von dieser Idee erzählt hätte, hätte ich zu bedenken gegeben, dies alles zusammen könnte vielleicht ein klein wenig zu viel des Guten sein und das Ding ganz schön in die Hose gehen. Glücklicherweise hat mich niemand gefragt. Denn dieser Mix funktioniert nicht nur gut, sondern hervorragend.

Daniel ist ‚different’, also anders. Manchmal übernimmt irgendetwas in seinem Körper die Führung. Er muss dann Dinge zählen und bestimmte Rituale befolgen. Den Weg bis zur Toilette legt er mit exakt zehn Schritten zurück. Die Zähne putzt er mit zehn Vertikal- und fünf Horizontalbewegungen pro Seite. Vor dem Schlafen muss er das Licht fünfmal ein- und ausschalten, manchmal sehr viel öfter. Weil er selbst nicht so genau weiß, was mit ihm los ist und sich für seine Andersartigkeit schämt, versucht er diese Ticks vor seinen Eltern und seinen Freunden Max und Raya geheim zu halten. Ablenkung findet er im Schreiben. In seinen Geschichten ist Daniel ein Superheld, der die Welt retten muss. Eigentlich aber möchte er nur normal sein. Dann wird Daniels Leben aus den gewohnten Bahnen geworfen. Er soll im Footballteam spielen, obwohl er eine sportliche Niete ist und lieber auf der Ersatzbank sitzen würde, ein Schulball steht an und aus einer geheimnisvollen Nachricht in seinem Rucksack entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft und vielleicht sogar ein echter Kriminalfall.

Es ist schon seltsam, mit welcher Freude und gleichzeitig welcher Traurigkeit ich Daniels Geschichte gelesen habe. Wesley King gelingt es, in einem jugendlichleichten, humorvollen Tonfall ein ausgesprochen ernstes Thema zu transportieren. Daniels Perspektive, die Perspektive eines 13jährigen, wirkt an einigen Stellen zwar zu reif für sein Alter, aber seine nervöse, äußerst sympathische Persönlichkeit wird darin ebenso treffend eingefangen, wie seine Ängste. Es wird deutlich, wie anstrengend Zwangsstörungen sind und wie verzweifelt Betroffene ihr ausgeliefert sind. Oft dauert es Stunden, bis Daniel schlafen kann, immer muss er sein Abendprogramm absolvieren, meist weint er dabei. Der Leser erfährt von der sehr verständlichen Angst Daniels, verrückt zu sein und für verrückt gehalten zu werden. Und er erfährt von den irrationalen, für Daniel aber trotzdem realen Ängsten, jemand könnte sterben, wenn er die Rituale nicht befolgt.

Das Leid und das Gefühl der Einsamkeit nehmen mit. Jedoch ist der Autor sehr bemüht, immer wieder zurück zu einem leichten Ton zu finden. Und das gelingt ihm auch. Die Erzählstruktur ist abwechslungsreich, die Romanbesetzung liebenswert und erfrischend natürlich. Die üblichen Teenagerzickereien sucht man hier vergeblich. Positive Charaktereigenschaften wie Mut, Einfühlungsvermögen und Toleranz überwiegen und finden sich auch in der zweiten Reihe der Buchfiguren wieder, Raya, Max, Sara und Emma. Die Erzählweise erinnerte mich daher zeitweise an Emma Mills „Jane und Miss Tennyson“ – auch aufgrund Footballthematik, die mir an manchen Stellen etwas zu detailliert ausgefallen ist, jedoch ihren Zweck innerhalb der Geschichte erfüllt. Außerdem werden (US-)Jugendliche dies möglicherweise etwas anders sehen.

Zur Handlung soll nicht viel mehr verraten werden, denn es macht ernorm viel Spaß, sich von Wesley King durch eine ebenso originelle wie bewegende Geschichte führen zu lassen, in der Freundschaften ganz groß geschrieben werden und Andersartigkeit das Stigma des Pathologischen genommen wird. Daniel mag an einer Krankheit leiden, andererseits aber ist er eben auch ein ganz normaler Junge – ein sehr talentierter obendrein.
Sagte ich schon, dass das Buch auch spannend ist? Liebe kommt auch drin vor. Und Superhelden!

Es lässt sich nur hoffen, dass dieses Buch den Weg in die Hände möglichst vieler Betroffener findet, denn auf charmantere Weise kann man eigentlich nicht Mut machen und Trost spenden. Der Autor selbst hat sich übrigens erst mit knapp 30 Jahren Hilfe gesucht. In seinem Nachwort ruft er dazu auf, sich sehr viel früher anderen Menschen zu öffnen und sich auch Ärzten und Selbsthilfegruppen anzuvertrauen. Denn wie schlimm es sein kann, wenn man dieses Paket alleine trägt … davon (und von sehr viel mehr!) erzählt „Daniel is different“. Ein Buch für Betroffene, aber auch ein Buch für alle, die gerne ungewöhnliche Geschichten lesen.




Daniel is different von Wesley King
Originaltitel: OCDaniel
Übersetzer: Claudia Max 
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten 
Verlag: Magellan
Erscheinungstermin: 18. Januar 2017 
ISBN: 978-3734847103 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre


Kommentare:

Kathrin Everdeen hat gesagt…

Ich finde es großartig, dass der Autor sich getraut hat, sich durch diese Geschichte zu offenbaren. Es ist ja kein Thema über das man gerne spricht.

Ich fühlte mich beim Lesen deiner schönen Rezension aber auch etwas an "Mit anderen Worten: ich" erinnert. Das solltest du unbedingt lesen :-)

LG

lex hat gesagt…

Ah, die Handlung deines Buchvorschlags klingt ja ganz ähnlich. Kommt auf die WuLi! Und ja, ich finde es auch mutig und wichtig, mit solchen Tabuthemen an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenn es dann noch so unterhaltsam geschieht wie in diesem Falle, kann man dem Buch wirklich nur die Daumen drücken, dass es von vieeelen gelesen wird.

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