Samstag, 28. Januar 2017

[Rezension] "Red Rising" von Pierce Brown

Hörbuch: Red Rising - Pierce Brown
Bildquelle: Ronin Hörverlag
Vieles hatte ich über Pierce Browns „Red Rising“-Trilogie gehört – vor allem viel Widersprüchliches. Die FAZ lobt das Werk in höchsten Tönen als großartiges Science-Fiction-Epos. Begeisterte Leserstimmen schwärmen vom sprachlichen Talent des Autors, der erzählerischen Dichte und den geschickt eingeflochtenen Anleihen der ganz Großen aus Science-Fiction, Fantasy und Dystopie - von Tolkien über Rowling bis hin zu Suzanne Collins. Dann gibt es andere Stimmen, zutiefst enttäuschte Leser, die den Bestsellerstatus des Mehrteilers nicht nachvollziehen können, sprachliche Plumpheit bemängeln und von einer vollständigen Unzugänglichkeit des Romanreigens sprechen.

Bald kommt "Red Rising" unter der Regie von Marc Forster (World War Z) ins Kino. Aus diesem Anlass rührt der Verlag noch einmal verstärkt die Werbetrommel für das Werk des jungen, amerikanischen Autors. Da ich schon länger ein Auge auf die Geschichte geworfen hatte, war dies für mich der Moment, in dem ich mir endlich selbst ein Bild machen wollte. Die Audiodatei zog vor zwei Wochen bei mir ein und exakt solange habe ich gebraucht, um mit Browns Helden Darrow ungezählte Schlachten zu schlagen. Ein knapp 17-stündiges Hörerlebnis, das mich fasziniert und überrascht hat, mich teilweise aber in die ultimative Entnervung trieb und sich insgesamt anfühlte, als sei ein Jahr meines Lebens darüber vergangen.
Dabei ist es keine schlechte Geschichte, absolut nicht. Pierce Brown legt in seinem Trilogieauftakt in der Tat das Fundament für eine tragödienhafte Geschichte epischen Ausmaßes. Was der Autor wirklich durchgängig beherrscht, ist das Aufrechterhalten einer starken Prämisse samt Sog entwickelnder Verästelungen. Brown verstrickt seinen Helden Darrow in einen riesigen Komplott und hält harte Prüfungen für seine heroische Flaggfigur parat.

Weit in der Zukunft. Die Menschen haben das All erobert. Die Mehrzahl der Planeten ist bewohnbar. Die Gesellschaftsstruktur aber steckt im tiefsten Mittelalter fest. In Kasten bzw. Farben aufgeteilt, kann von einer hoch entwickelten, dem Gleichberechtigungsgeist folgenden Kultur keine Rede sein. Herrscher in diesem Unterdrückungssystem sind die Goldenen; große, muskulöse Prachtexemplare der menschlichen Gattung, die die Planeten unter sich aufgeteilt haben. Unten in der Hierarchie stehen die Roten – Arbeitssklaven, sogenannte Höllentaucher, die das wertvolle Helium 3 aus den Tiefen des Marses fördern. Um die Roten klein zu halten, hat man ihnen weisgemacht, ihre Arbeit sei von unschätzbarem Nutzen und diene dazu, den Mars bewohnbar zu machen. Doch der rote Planet ist bereits lange bevölkert. Kurz, nachdem der 17-jährige Darrow durch seine Frau Eo von diesem Betrug erfährt, werden beide verhaftet und zum Tode verurteilt. Eo stirbt, Darrow wird von Rebellen gerettet und mit einer schweren Mission betraut. Er soll sich einer körperlichen Verwandlung unterziehen, sich in die Ausbildungsakademie der Goldenen einschleichen, zum Machthaber aufsteigen und irgendwann die Revolution der Roten aus dem Inneren des Systems heraus möglich machen.

In drei große, sinnvoll aufeinander aufbauende Abschnitte ordnet Brown das Buch. Teil 1: Darrows Leben als begabter Höllentaucher unter der Erde samt der Erkenntnis des Betruges und Eos Hinrichtung. Teil 2: die operative Umformung Darrows in einen Goldenen und schließlich Teil 3, die Aufnahme in die Akademie, die – wie sich herausstellt – dazu dient, die Besten unter den Goldenen in einem mitunter knallharten Kriegsgemetzel herauszusieben.

Das Ganze ist gut durchdacht. Die einzelnen Etappen - sieht man über die genretypisch übersteigerten Entwicklungen hinweg – sind glaubwürdig. Bezüge zu bekannten Geschichten sind vorhanden, wirken aber nicht stumpf abgekupfert. So erinnert die Einteilung der Goldenen in Häuser an Hogwarts, die darwinistische Kampfarena an Panem, das intrigante Taktieren und Versklaven an Game of Thrones. Teile der römischen und griechischen Mythologie fließen ebenso mit ein, wie reale geschichtliche Fakten. Pierce Brown selbst betrachtet seinen Protagonisten Darrow als Science-Fiction-Ausgabe des Grafen von Monte Christo. Auch das ist wahr. Keine dieser Ideen wirkt krampfhaft in die Geschichte hinein gepresst, nie hatte ich das Gefühl die B-Variante großer Vorbilder zu lesen.

Auch die Leichtigkeit, mit der Darrow (vor allem anfangs) die Dinge gelingen, störte mich nicht. Er ist der Held der Geschichte, er muss vorankommen, um den Fluss am laufen zu halten. Und: So leicht macht Pierce Brown es seinem Helden ohnehin nicht. Darrow muss – der Tarnung wegen - Dinge tun, die ihm zuwider sind, durch die er sich schuldig macht, die ihn seiner bloßen Opferrolle berauben. Das alles für die große, hehre Sache und die bereits erwähnte Prämisse.

Pierce Brown, der großes Interesse an der Funktionsweise von Politik und Herrschaftssystemen bekundet, schickt einen einfachen Mann aus, die Welt zu revolutionieren. Erkenntnisse bieten sich auf einem rohen Schlachtfeld, das über weite Strecken vergessen lässt, dass es sich hierbei um einen Science-Fiction-Roman handelt. Darrow lernt von der Pike auf, wie Menschen ticken, wie Gruppen ticken, wie man Bündnisse schmiedet und Pläne gelingen können. Gleichzeitig will er sich selbst treu bleiben, sich durchsetzen, ohne andere zu unterdrücken. An einer Stelle sagt er: „Ist es nicht so, dass jene, die durch Gift an die Macht kommen, am Ende durch Gift sterben werden?“ 
Ein starker Held, eine starke Mission…mit der der Schreibstil - und damit schließe ich mich den Reihen der Kritiker an - meiner Ansicht nach nicht mithalten kann.

Die Geschichte KÖNNTE phänomenal sein, ist es aber immer nur punktuell. Brown treibt seine Handlung gemächlich voran, aber mit enorm viel Input, sodass der Plot oft gehetzt wirkt, man sich aber gleichzeitig wundert, warum man Stunden später noch immer an denselben Örtlichkeiten feststeckt. Die Akzente fehlen. Ereignisse wirken aneinandergereiht, aufgezählt, ohne nachvollziehbare Gewichtung. Für mein Empfinden enorm wichtige Szenen werden in wenigen Sätzen abgehandelt, an anderer Stelle lässt Brown seine Figuren minutenlang über Nichtigkeiten palavern.
Fast geweint hätte ich angesichts des atmosphärischen Potenzials, das Brown verschleudert. Unsichtbar machende Phantommäntel, Gravstiefel ... fliegende, unsichtbare Strippenzieher - wie genial ist das denn bitte? Und was macht Brown daraus? Hier und da eine kleine Erwähnung am Rande. Es war zum Haareraufen!
In nur zwei Monaten hat Pierce Brown dieses Buch geschrieben und ich möchte fast sagen: Das merkt man leider auch!

Hörbuchsprecher Marco Sven Reinbold, der in seiner angenehm warmen Stimmfarbe stark an Simon Jäger erinnert, tut sein Bestes, um die Buchstaben zum Leben zu erwecken und verschmilzt glaubwürdig mit der Figur Darrow, konnte es aber für mich persönlich auch nicht mehr herausreißen. Größter Störfaktor war und blieb für mich die Erzählweise. Die Sprache ist mitunter geschwollen, melodramatisch, pathetisch. 

„Ihr folgt mir nicht, weil ich der Stärkste bin. Das ist Pax. Ihr folgt mir nicht, weil ich der Klügste bin. Das ist Mustang. Ihr folgt mir, weil ihr nicht wisst, wohin ihr gehen sollt. Aber ich weiß es.“ 

Dann wieder aalen sich die Figuren, diese hoch entwickelten Nachfahren der menschlichen Spezies in primitiver Vulgär- und Fäkalsprache. Anfangs befremdet, dann verärgert, schließlich erheitert habe ich über die Wortschöpfungen des Autors den Kopf schütteln müssen. Beschränkt er sich anfangs auf die identitätsstiftende Verwendung der Begriffe "mordsverdammt" und "drecksverdammt", steigert er sich später in verbalausfällige, brusttrommelnde Männlichkeits- und Machtbekundungen der Kontrahenten hinein. Der literarische Tiefpunkt schien mir beim "Furz einer Pinkhure" angekommen zu sein, wurde aber später noch von der "pissefressenden Schnecke" übertroffen. Im weiteren Verlauf kommt die Handlung dann ehrlicherweise auch mal eine halbe Stunde lang ganz ohne Geschimpfe aus, schließlich beschränken sich die "Akademiker" auf den hin und wieder gegenseitig erteilten, wohlmeinenden Rat, man möge sich trollen und „die Eier schaukeln“.

Uneinig sind sich Teile der Leserschaft darüber, ob „Red Rising“ sowohl sprachlich als auch inhaltlich dem YA-Bereich zugeordnet werden sollte, oder es sich vielmehr um Erwachsenenliteratur handelt. Die Diskussion ist meiner Meinung nach müßig. Denn egal ob „Red Rising“ von Erwachsenen oder aber älteren Jugendlichen gelesen wird – der Schlüssel zu diesem Buch liegt vor allem in seinem Erzählstil, mit dem man zu recht kommt, oder aber nicht. Das möge jeder für sich selbst entscheiden.
Ich persönlich werde irgendwann zur Fortsetzung greifen, fühle mich aber derzeit rhetorisch vollständig ausgelaugt und muss diesen Klotz von einem Hörbuch nun erst einmal sacken lassen.





Red Rising von Pierce Brown 
Format: Hörbuch-Download
Spieldauer: 16 Stunden und 51 Minuten 
Version: Ungekürzte Ausgabe 
Verlag: Ronin - Hörverlag 
Erscheinungsdatum: 19. Dezember 2016 
ASIN: B01MRZ4OGF

Kommentare:

Friedelchen hat gesagt…

Ich kann verstehen, dass dein Urteil so gemischt ausfällt, auch wenn ich selbst begeistert war von der ganzen Trilogie. Gib dem zweiten Band unbedingt noch eine Chance! Besonders in Teil 2 kriegt man viel mehr mit, dass die Geschichte im SciFi-Bereich angesiedelt ist, da ist Darrow ständig in Weltraumschlachten verwickelt.
Ich finde, die Sprache spiegelt das Gesellschaftsbild eigentlich ganz gut wieder. Einerseits die gebildeten Goldenen, die sich so viel auf ihren Pathos und ihre Herrschaftsstellung einbilden und deshalb oft geschwollen reden. Und dann die unteren Schichten und auch die Soldaten, die zwar golden sein mögen, aber im Krieg dann eben doch mit der Rohheit, der Angst und dem Verlust konfrontiert werden und dabei auf Flüche zurückgreifen.

lex hat gesagt…

Hey Friedelchen. Ich verstehe, warum du von der Geschichte begeistert bist. Darrow ist eine sehr interessante Figur und auch ich möchte wissen, ob und wie er seine Aufgabe meistert. Wenn "Red Rising" ins Kino kommt, stehe ich wohl ebenfalls ganz vorne in der Schlange. Pierce Brown hat ja anscheinend selbst das Drehbuch geschrieben. Ich bin gespannt, ob der Film seine Möglichkeiten ausschöpft. Ich wünsche es mir. Die Erzählweise empfand ich teilweise als sehr störend und die rohe Sprache hätte für mich nicht in dem Übermaß sein müssen... da wäre weniger mehr gewesen. Dein Ausblick auf den nächsten Teil klingt allerdings vielversprechend. Mehr SciFi? Sehr gut! Ja, ich denke, Darrow und ich werden uns irgendwann "wiederlesen". ;-)
Danke Dir.
LG

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