Samstag, 10. Dezember 2016

[Rezension] "The Chemist - Die Spezialistin" von Stephenie Meyer

The Chemist - Die Spezialistin von Stephenie Meyer
Copyright: Fischer Verlage
Stephenie Meyer is back! „The Chemist - Die Spezialistin“ heißt ihr neues Werk und ist thematisch betrachtet Meyers erstes wirklich neues Buchprojekt seit „Seelen“ (2008). Erwartungsgemäß wurde es schon vor Erscheinen als Pageturner gehypt. Auch mich hat’s gepackt! Ich war auf „The Chemist“ bis zum Anschlag gespannt. Denn Stephenie Meyer ist für mich das, was das weiße Kaninchen für Alice ist, Gandalf für Frodo, die rote Pille für Neo – sie hat mich vor vielen Jahren in eine neue Welt geführt, die Welt der romantischen Fantasy, die ich bis heute immer wieder gerne betrete. Mit „The Chemist“ betritt die Twilight-Autorin nun selbst neues Terrain. Das ist für Schriftsteller ja immer etwas heikel! Alte Fans könnten vergrault werden, potenzielle neue Leser zu große Vorbehalte haben. Aber kann wirklich etwas schief gehen, wenn der gute alte Bourne-Stoff als Grundlage dient? Genau das will der Plot nämlich sein – die weibliche Antwort auf Superagent Jason Bourne, den sich Meyer für ihre Heldin Alex zum Vorbild genommen hat.

Die Ärztin und US-Verhörspezialistin Alex alias Juliana Fortis ist auf der Flucht, seit vor einigen Jahren der Geheimdienst beschlossen hat, sie loszuwerden. Im Agentenbusiness ist zu viel Wissen ja noch nie besonders gesund gewesen. Dank ihres umfangreichen chemischen Know-how konnte Alex bisher überleben. Mit giftigen Gasen und anderen tödlichen Substanzen schaltet sie einen Angreifer nach dem anderen aus. Doch ihr Leben ist zur Vorhölle geworden. Alex ist immer auf der Hut, immer in Bewegung. Da gibt es von ihren Ex-Arbeitgebern das verlockende Angebot, im Gegenzug für einen letzten großen Job unbehelligt von der Bildfläche verschwinden zu dürfen. Dazu muss sie aus dem Lehrer Daniel Beach lediglich Informationen herausfoltern, die verhindern, dass es zu einer biologischen Katastrophe kommt. Kein Problem für eine kaltschnäuzige Verhörspezialistin. Oder doch?

Die Geschichte ist ein Mix aus klassischem Agententhriller, Humor und Gefühl - eine spezielle Mischung, die man mag oder eben nicht. Mich hat sie trotz ein paar Mankos gut unterhalten. Während des Lesens hatte ich aber immer ein Auge auf die nach und nach veröffentlichten Kritiken, die teilweise eher bescheiden ausfielen. Meine eigene, kleine (unwissenschaftliche) Studie hat ergeben, dass hierfür vor allem drei Gründe ausschlaggebend sind:


  1. Einige von Meyers alten Twilight-Fans sind von der Lovestory enttäuscht, die „The Chemist“ (natürlich!) beherbergt, die aber anders angelegt ist, als man es von Stephenie Meyer gewohnt ist. Kein Drama, kein Lover mit Testosteronüberschuss. Die Liebe gibt sich diesmal temperamentlos, manche sagen fade, andere können ihr eine angenehm unaufgeregte Romantik abgewinnen.

  2. Lange Gesichter gibt’s bei allen, die sich auf einen oldschool Spionagethriller gefreut und im Klappentext die angekündigten „großen Gefühle“ überlesen haben. Den (zeitweise blutigen) Crime-Anteil gibt es zwar durchaus im Buch, er wird aber immer wieder von der Liebesgeschichte abgelöst, weshalb manch einer stellenweise Füße scharrend auf die nächste Spannungsspitze warten dürfte.

  3. Stephenie Meyer hat sich zwar von einigen Klischees verabschiedet, dafür ein paar neue gefunden. Die beiden Hauptprotagonisten sind… speziell. Jeder auf seine Weise. Während der männliche Part eine Mischung aus großem Jungen, Schwiegermutters Traum, Engel und Trampeltier ist, verkörpert Alex die emotional unerfahrene Wissenschaftlerin – die Kombination ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig, vom Gefühl her ein bisschen wie „Teenies beim ersten Date“ und damit nicht ganz das, was man im Erwachsenengenre gewohnt ist.


Vielleicht hat Stephenie Meyer zu viel gewollt, oder ist den einen oder anderen Kompromiss zu viel eingegangen – jedenfalls hat das Buch tatsächlich ein paar Hänger. Es gibt Längen, die Charaktere wirken teilweise etwas angestrengt konzipiert und an der ein oder anderen Stelle kommt Stephenie Meyers romantische Ader allzu offenkundig durch. Etwa, wenn die supertoughe Agentin, die nichts dem Zufall überlässt, gleich beim ersten Treffen mit dem männlichen Lovepart aus Versehen ihren richtigen Namen verrät.

Trotzdem: „The Chemist - Die Spezialistin“ hat darüber hinaus so Einiges zu bieten! Neben Stephenie Meyers gewohnt warmen, fließenden, reflexiven Schreibstil zum Beispiel all dies: doppeltes Spiel, gekonnte Bluffs, geniale Tricks, coole Gadgets, Spannung und durchdachte Aktionen, eine leicht sperrige, aber (meistens) wunderbar logische Hauptfigur und ein paar echte Lacher, die einem weiteren Charakter geschuldet sind, der eine unterhaltsame Ergänzung zu dem etwas langweiligen Helden darstellt.

Stephenie Meyer hat ihr literarisches Gesamtwerk damit zwar nicht völlig neu möbliert, aber sehr wohl mit ein paar hübschen, neuen Tapeten versehen, die frische Farbe in die Spionagebude bringen. Das Buch hat seine Längen, ja. Die Charaktere sind manchmal etwas peinlich, ja. Aber wenn’s ums Eingemachte geht, glänzt „The Chemist - Die Spezialistin“ auch mit Stärken. Am Ende bleibt dieser Genrecocktail aber wohl Geschmackssache. Mir hat’s geschmeckt! Und Euch?


WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung


The Chemist - Die Spezialistin 
Originaltitel: The Chemist
Übersetzer: Andrea Fischer und Marieke Heimburger
Gebundene Ausgabe: 624 Seiten 
Verlag: FISCHER Scherz
Erscheinungsdatum: 8. November 2016 
ISBN: 978-3651025509

Kommentare:

Katja hat gesagt…

Hallo, ich lese das Buch gerade. Mir gefällt es auf jeden Fall auch sehr gut. Aber deine Kritikpunkte sind schon ganz richtig. Manchmal ist alles etwas lachhaft.
Lg
Katja

lex hat gesagt…

Hey Katja.
Genau deshalb tue ich mich etwas schwer mit einer klaren Empfehlung. Ich mag das Buch wirklich, kann aber verstehen, wenn andere von der einen oder anderen Sache genervt sind.
Dann sind wir ja schon mal zu zweit im Meyerfanclub. :-)
Grüße zurück

crumb [KeJas-BlogBuch] hat gesagt…

Welch wunderbare Rezension & ich hab ja immer schon ein Auge auf das Buch geworfen! Nach deiner Rezension jedoch ist mir klar geworden, lieber Finger weg! ;)

Liebe Grüße dagelassen!

lex hat gesagt…

Danke crumb. Lach :-) Jaja, das Buch ist speziell. Popcornactionloveandcrimeirgendwas.
Liebe Grüße zurück

Krinkelkroken hat gesagt…

Oha, vielen Dank für die Warnung. #thanksbutnothanks

lex hat gesagt…

Verstehe. :-))))
Ich habe das Buch jetzt nacheinander zwei Freundinnen geliehen.
Freundin A: schlimmstes Buch ever
Freundin B: sehr spannend, richtig gut
:-)
Viel Spaß bei anderen Büchern, liebe Krink

Kommentar veröffentlichen