Dienstag, 8. November 2016

[Rezension] "Death Note #1" von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata

Death Note - Tsugumi Ohba, Takeshi Obata
Copyright: TOKYOPOP
Wie Ihr vor ein paar Tagen hier auf "Kathrineverdeen" lesen konntet, habe ich einem Treffen der Was-liest-Du?-Community in Dortmund einen Lesetipp aus dem Mangagenre zu verdanken! Und da muss ich gleich mal beichten: Bisher habe ich um die Mangaecke mit ihren krakenartigen, teilweise mehrere hundert Bände umfassenden (und deshalb leicht furchterregenden) Reihen immer einen dezenten Schlenker gemacht. Der speziellen Ästhetik (grellbunte Cover, große Kulleraugen) konnte ich bislang nichts abgewinnen. Und wie das so ist mit Vorurteilen vor Fremdem - es bleibt einem eben auch fremd.

In die Serie „Death Note“ von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata wollte ich daher erst einmal vorsichtig reinschnuppern. Weil ich mir nicht sicher war, ob dieses Genre etwas für mich ist, habe ich mir nur das erste (von insgesamt 12) Bändchen an einem verregneten Samstag in der Bibliothek ausgeliehen. Eine Stunde später war ich eiligen Schrittes erneut auf dem Weg zur Bücherei, um mir schnellstens Nachschub zu besorgen. „Death Note“ hat mich BEGEISTERT und begeistert mich noch immer. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber keinesfalls so eine mörderspannende Geschichte - ein Genremix zwischen Fantasy und Detektivroman. Anders, radikal und vor allem: verdammt genial!

„Death Note“ erzählt die Geschichte von Light, einem der begabtesten Schüler Japans, die große Hoffnung seiner Familie. Eines Tages findet Light das Death Note, ein magisches Relikt, das vom Todesgott Ryuk in die Welt der Menschen gebracht wurde. Wer in das Death Note den Namen einer Person schreibt, erhebt sich zum Richter über Leben und Tod, denn diese Person muss kurz darauf sterben. Light fasst den Entschluss, das Buch zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen und die Welt von Verbrechern zu befreien. Innerhalb kurzer Zeit trägt er hunderte Namen in das Buch ein. Der Tod so vieler Gewalttäter ruft die Polizei auf den Plan – und mit ihr Japans besten Agenten, der nur unter dem Pseudonym L bekannt ist. Es entspinnt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zweier hochintelligenter Köpfe – auf der einen Seite Light, der überzeugt ist, richtig zu handeln, aber immer mehr Gefallen an der Macht des Death Notes findet; auf der anderen Seite L, der die Aktionen Lights teilweise ebenso kalt erwidert und getrieben wird von dem Ehrgeiz, jeden noch so kniffligen Fall zu lösen … was ihm bisher noch immer gelungen ist.

Die Prämisse ist von vorneherein so stark, dass ich nach wenigen Seiten emotional an die Geschichte gekettet war. Herz des Plots sind die schachzugartigen Überlegungen von Light und L, die versuchen, dem jeweils anderen einen Schritt voraus zu sein bzw. die Züge ihres Kontrahenten voraus zu ahnen. Auf diese Weise verringert sich kontinuierlich die Distanz zwischen beiden, was unheimlich fesselnd zu lesen ist. „Death Note“ kommt dabei völlig ohne Kampfszenen und Action aus, überzeugt dafür mit überraschenden, klugen Wendungen und vielschichtigen unterschwelligen Fragen, die aufgrund ihrer immanenten Wertungsfreiheit viel Platz für eigene Überlegungen lassen.

Hatte ich zu Beginn die Befürchtung mit der besonderen Leseform von Mangas (von hinten nach vorne, von rechts nach links) Schwierigkeiten zu haben, stellte ich schnell fest, dass mir dies nicht nur problemlos gelang, sondern die Art der Rezeption, also die Haptik und der Vorgang des Lesens selbst (ähnlich wie bei guten Büchern und Filmen) komplett in den Hintergrund trat. Ich versank derart in der Geschichte, dass ich jede körperliche Wahrnehmung ausblendete und auf Unterbrechungen (zum Leidwesen meiner Umgebung) äußerst verstimmt reagierte.

Obgleich die zwei Hauptcharaktere beileibe keine Sonnenscheinchen sind und für ihre jeweiligen Überzeugungen buchstäblich über Leichen gehen, haben mich die durchdachten, messerscharfen Betrachtungen von L und Light mit beiden mitfiebern lassen. Einerseits zog mich alles auf die Seite der Gerechtigkeit, andererseits ist Light ein derart ausgebuffter Charakter, dass man innerlich den Hut vor der Figur zieht. Light ist ohne Zweifel ein kaltblütiger Mörder. Aber er ist auch ein wirklich heller Kopf und Teil einer normalen, netten Familie, deren Unwissenheit und Unschuldigkeit einem ein so qualvolles, seelischen Ziehen bereitet, dass man insgeheim hofft, ihnen möge der Schrecken der Erkenntnis erspart bleiben.

Wer aber Wert auf moralisch eindeutig handelnde Figuren legt, der sollte vom „Death Note“ die Finger lassen. Denn natürlich gibt es viel herzloses Töten. In diesem ersten Band springen zwar ausschließlich Randfiguren über die Klinge, aber ich fürchte, das könnte sich ändern. Und doch lebt die Geschichte von genau dieser Art Radikalität. Der Inhalt richtet sich damit aber uneingeschränkt an ältere Jugendliche und Erwachsene. Die Altersempfehlung „ab 15 Jahren“ ist absolut angemessen.

Was die Zeichnungen angeht … habe ich weiter oben von grellbunter Optik und großen Kulleraugen gesprochen? Ts ts … da muss ich gleich mal zurückrudern. Die Zeichnungen sind in schwarz-weiß gehalten und die Augen nicht in der Weise überzeichnet, wie man dies vielleicht von Animes her kennt. Die Bilder sind häufig auf die Gesichter komprimiert, in denen sich die ganze Bandbreite der Emotionen spiegelt, so treffend, dass ich Mangas nun mit einem neuen Blick betrachte und gestern schon ganz andächtig in der Mangaabteilung eines Buchladens die Zeit vertrödelt habe.
Im Vergleich zu manch einem Comic gibt es nur wenig Text, so dass man die Geschichte zwischendurch ohne viel Aufwand wegsuchten kann. Mit wenigen Worten, soviel ausdrücken zu können ist - unabhängig davon - aber auch eine ganz erstaunliche Leistung.

Für Mangastarter ist „Death Note“ übrigens eine gute Einstiegsserie, da sie bereits seit zehn Jahren abgeschlossen ist und mit 12 Bänden zu den kürzeren gehört - und zu den bekanntesten. „Death Note“ von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata wurde bereits mehrfach in Japan für Film und Fernsehen adaptiert, eine Umsetzung durch Hollywood ist (natürlich!) ebenfalls geplant.
Ich bin aber erst mal noch mit der Mangaform der Geschichte beschäftigt und schon ganz fix und fertig, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie diese Wahnsinnsreihe, die alle paar Seiten mit einer haarsträubenden, immer glaubhaften Wendung daherkommt, wohl enden mag. Ich halte schlichtweg alles für möglich!

Fazit: WOW!

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Death Note #1 von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata
Taschenbuch: 208 Seiten 
Verlag: TOKYOPOP 
Erscheinungsdatum: 28. August 2006 
ISBN: 978-3865806116 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 15 - 17 Jahre

Kommentare:

Lena von Awkward Dangos hat gesagt…

Hey, das freut mich aber, dass du jetzt auch auf den Mangazug aufgesprungen bist! :) Wie Romane bieten auch Mangas tolle Geschichten und eine große Vielzahl an Genres! Als ich damals meinen ersten Manga gelesen habe, war ich auch zunächst unschlüssig und habe mir den Kopf darüber zerbrochen, ob ich mit dieser "speziellen" Leserichtung überhaupt in einen Lesefluss kommen kann - es stellte sich wie bei dir schnell heraus, dass meine Sorge komplett unbegründet war. :D

Death Note ist eine echt tolle Serie, aber ich habe sie nur als Anime geschaut. Falls es dich irgendwann in den Fingern jucken sollte, auch mal einen Anime zu schauen, ist das ein super Einstieg, da es ihn komplett auf Deutsch gibt. Die Story wird noch viel spannender, da vieles unvorhersehbar ist und ich wünsche dir noch gaaaaanz viel Spaß damit! Lediglich gegen Ende war für mich leider die Luft ein wenig raus, was aber an einem bestimmten Charakter liegt... Ohne jetzt spoilern zu wollen: Du wirst schon merken, was ich damit meinte.^^

Finde es immer wieder toll, wenn "Neulinge" das Medium Manga für sich entdecken und über ihren Schatten springen! ;) Auf meinem Blog geht es übrigens mitunter sehr viel um Mangas und ich habe schon einige Rezensionen zu kürzeren Serien verfasst. Außerdem veranstalte ich immer mal wieder spezielle Manga-Lesenächte (wäre bald mal wieder an der Zeit). Fall du also mal teilnehmen und ein bisschen mehr aus der Mangawelt kennenlernen möchtest, schau doch gerne mal vorbei! Wir sind in der Lesenacht immer stets einsteigerfreundlich, da schon so manch einer extra mit dem Manga lesen begonnen hat, um daran teilzunehmen. XD

Langer Kommentar, ich weiß.^^
Wünsche dir einen schönen Abend :)

Lena von Awkward Dangos

lex hat gesagt…

Huhu Lena.
Na das ist mal ein Kommentar! Grins...
Ich habe mich schwuppdiwupp direkt mal ein wenig auf deiner Seite herumgetrieben und sehe schon, da kann ich mir meine nächsten Tipps holen. Das "Death Note" kann ich kaum aus der Hand legen, bin inzwischen bei Teil 8 angekommen und jetzt ist gerade etwas passiert... oh Mann, wie soll das nur enden? Es kommen einige neue Charaktere hinzu und ich hoffe sehr, dass es auf demselben genialen Niveau weiter geht.
Deine Manga-Lesenächte behalte ich im Auge! Ich hatte keine Ahnung, dass es im Manga-Genre so innovativ zugeht. Da gibt es ja richtig cooles Zeug. :-)
LG

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