Dienstag, 22. November 2016

[Rezension] "Anonym" von Ursula Poznanski und Arno Strobel

Thriller "Anonym" Ursula Poznanski, Arno Strobel
Bildquelle: Wunderlich
Wie weit gehen Menschen, wenn sie im Schutze einer unbekannten Masse Rache üben dürfen? Mit dieser Frage beschäftigen sich Ursula Poznanski und Arno Strobel in ihrem zweiten Gemeinschaftswerk „Anonym“. Stroblanski (wie das Autorenteam bereits liebevoll namensfusioniert wird) legen hierbei eine Spur von der Hamburger Gutbürgerlichkeit bis ins Darknet, jenem Teil des Internets, das den meisten Usern aus gutem Grund verborgen bleibt, da sich dort die Kriminalität ein gut geschütztes Zuhause geschaffen hat. Auch der ominöse Trajan ist im Darknet aktiv: Über die Onlineplattform „Morituri“ lässt er regelmäßig Kandidaten nominieren und anschließend über deren „Beliebtheit“ abstimmen. Die nichts ahnenden Gewinner dieser Challenge erhalten als „Preis“ einen qualvollen Tod, den das sensationslüsterne Publikum mit morbider Lust per Webcam live verfolgt.

In ihrem ersten gemeinsamen Fall ermitteln die Hamburger Kommissare Daniel Buchholz und Nina Salomon daher nicht nur gegen einen psychopathischen Serienkiller, der im Namen des Volkes das angebliche Schwert der Gerechtigkeit schwingt, sondern auch gegen einen namenlosen, entfesselten Mob, der Menschen teilweise aufgrund von Bagatelldelikten oder aus purer Boshaftigkeit auf eine virtuelle Todesliste setzt. Ein Kampf gegen Windmühlen, bei dem Buchholz und Salomon dem Täter immer ein paar Schritte hinterher hinken und die konventionelle Polizeiarbeit zu scheitern droht.

Anonym“ überzeugt neben der vordergründigen Spannungsgeschichte mit einem bitterbösen Blick auf die Hasskultur des Internets in all ihrer philisterhaften Niederträchtigkeit. Die Idee erinnert an Chris Carters Thriller „Der Totschläger“. In beiden Büchern entwickelt sich aus der Anonymität eines Netzwerkes heraus eine kaum noch bremsbare Eigendynamik.
Jeder, der schon einmal durch die Kommentarleisten von Internetforen gescrollt hat, wird die skrupellose Herzlosigkeit auf „Morituri“ für erschreckend echt befinden. Poznanski und Strobel treiben diese lediglich auf die bluttriefende Spitze. Da wird neben dem unfähigen Arzt und dem berechnenden Anwalt, kurzerhand der nervige Hundebesitzer zum Abschuss freigegeben und auch der jungen Frau, die immer Glück hat, wünscht man von Herzen ein bisschen Sterbepech an den Hals. Womit sich die Nominierer als die eigentlich Charakterlosen entlarven.

Die Entschlüsselung des Falles ist allerdings kniffelig und meiner Ansicht nach nicht durchgängig gelungen. Das liegt zum einen an der Willkürlichkeit der Mordserie und dem Fehlen jeglicher Anhaltspunkte. Diese Umstände bauen sich wie eine unüberwindbare Wand vor den Kommissaren auf. Zum anderen erschweren sich die Polizisten ihre Ermittlungen zusätzlich selbst. Wie es in dem Genre gang und gäbe ist, bringen die Kommissare Marotten und private Probleme mit in die Geschichte, die auch ins Berufliche spielen. Salomon und Buchholz finden aufgrund ihrer persönlichen Eigenheiten allerdings besonders mühsam zu einer vernünftigen Kommunikation.

Ich habe meine Detektive zwar gerne menschelnd aber auch bedacht und da erwies sich vor allem Nina Salomon – die wohl aus gutem Grunde gerade erst nach Hamburg strafversetzt wurde - häufig als genaues Gegenteil. Sie ist ein emotionaler, unkonventioneller Charakter, der es mit Regeln nicht so genau nimmt und zu waghalsigen Alleingängen tendiert. Liebend gerne hätte ich sie zwischendurch vor einigen Dummheiten bewahrt, die die Geschichte zwar entscheidend vorantreiben, mir aber nicht glaubwürdig schienen und einer überlegten Beamtin auch nicht würdig sind. Nina Salomon bringt viele Gefühle – in allen Ausprägungen – in die Geschichte. Damit aber auch einigen Zündstoff und viel Ärger für Kollege Buchholz, mit dem ich zwar größtenteils gut zurechtkam, den ich andererseits aber auch sehr viel weniger als Salomon zu kennen glaube. Er ist ein logischer, an Regeln angepasster Typ mit ausgeprägtem Putzzwang, der anfangs steif und schrullig wirkt, aber das Herz am rechten Fleck hat und im Laufe des Buches sich selbst und den Leser überrascht.

Und bevor ein falsches Bild aufkommt: Trotz der von mir empfundenen Schwächen in der Anlage der Charaktere und einer teilweise etwas richtungslos erscheinenden Ermittlungsarbeit ist „Anonym“ ein echter Pageturner, den ich innerhalb von 24 Stunden durchgeschnitzelt habe.
Wer Erwachsenenkrimis von Ursula Poznanski kennt (und ich kenne sie alle, habe aber von Arno Strobel bisher leider kaum etwas gelesen), der weiß, dass es hier immer etwas deftiger zugeht. „Anonym“ macht da keine Ausnahme. Obwohl ich nicht allzu zartbesaitet bin, stieß ich zur Hälfte auf eine derart intensive Leidensszene, dass ich die Abkürzung übers Vorblättern nehmen musste. Selten ist mir ein Kapitel so unter die Haut gegangen.

Nicht ganz zufrieden bin ich mit der Aufklärung dieses Falles. Das Rätsel um Trajan birgt einige Umstände, bei denen Kommissar Zufall sehr eifrig seine Hände im Spiel hatte. Gegen Ende musste ich die Luft ein paar Mal in scharfen, ungläubigen Zügen durch die Zähne pressen. Schaut man über einige recht abenteuerliche Umstände hinweg, bleibt ein leserausch-spannender, teilweise brutal wirklichkeitsgetreuer Kriminalfall, der mit einem in Teilen offenen Ende von der vordergründigen Handlung auf eine menschliche, aber menschenverachtende Gaffermentalität lenkt.





Anonym von Ursula Poznanski und Arno Strobel 
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten 
Verlag: Wunderlich
Erscheinungstermin: 21. September 2016 
ISBN: 978-3805250856

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