Dienstag, 24. Mai 2016

[Rezension] "Sag nie ihren Namen" von James Dawson

Copyright: Carlsen
Der Brite James Dawson hat sich viel vorgenommen: Er wollte nicht weniger schreiben, als das gruseligste Horrorbuch für junge Erwachsene aller Zeiten! Dabei heraus gekommen ist „Sag nie ihren Namen“, eine Neuinterpretation der alten Legende von Bloody Mary. Vielleicht kennt ihr sie ja: Bloody Mary ist ein blutrünstiger Geist, um den sich viele Sagen ranken und der weltweit auf Partyspielen beschworen wird. Dazu ist nichts anderes notwendig, als sich vor einen Spiegel zu stellen und dreimal den Namen Bloody Mary zu sagen. Und genau so beginnt auch Dawsons Roman …

Während eines nächtlichen Lagerfeuers zu Halloween, lassen sich die Internatsschülerinnen Bobby und Naya zusammen mit dem gutaussehenden Caine zu eben jener Mutprobe hinreißen: Dreimal sprechen sie Marys Namen vor einem Spiegel aus und wissen nicht, wie gefährlich ihr Spiel ist. Denn fast unmittelbar geschehen unheimliche Dinge im alten Mädcheninternat Piper’s Hall und es sieht ganz so aus, als sei die Legende um Bloody Mary sehr viel mehr als nur eine Legende. Bobby und ihren Freunden läuft die Zeit davon. Wenn sie nicht herausfinden, wie die Beschwörung zu brechen ist, wird schon bald etwas Fürchterliches geschehen, da sind sie sich sicher.

Dawson spult die Geschichte wie einen klassischen 80er-Jahre-Horrorfilm ab - einen verdammt guten (!) 80er-Jahren-Horrorfilm, in der entschärften Jugendvariante ab 14 Jahren versteht sich. Dabei greift er auf die gängigen Kniffe und Tricks zurück, die immer (aber auch wirklich immer!) funktionieren – von Nachrichten auf beschlagenen Spiegeln bis zum einsamen nächtlichen Bad ist alles dabei. Gut, dass Protagonistin Bobby sich dabei etwas klüger anstellt, als so manche ihrer „Vorgängerinnen“ aus früheren Jahrzehnten. Eine Verfolgungsszene, in der Bobby kurz vor der rettenden Haustür der Schlüssel aus der Hand fällt, gibt es jedenfalls nicht.

In den allermeisten Szenen ist sie besonnen und mutig und obgleich sie in Piper’s Hall zu den farblosen Außenseiterinnen gehört, ist sie ein selbstbestimmter Charakter. Atemlos habe ich mich zusammen mit ihr auf die Jagd nach den Hintergründen des Bloody-Mary-Fluches begeben, immer die von Dawson als grandioser Anheizer geschaffene Deadline im Nacken… nur wenige Tage, um wieder aus der Sache herauszukommen, nur wenige Tage, die über Leben oder Tod entscheiden. Die große Frage ist daher: Hat James Dawson sein Ziel erreicht? Hat er wirklich das gruseligste Jugendbuch aller Zeiten geschrieben? Ich würde sagen: Es gehört auf jeden Fall in die Top 3!

Die große Stärke der Geschichte ist einerseits der Pragmatismus der Hauptfiguren Bobby, Naya und Caine und die Schlüssigkeit in der Auflösung, die zwar teilweise ab der Hälfte  vorhersehbar ist, aber dennoch so glatt zusammenläuft, dass man am Ende zufrieden und mit einer ordentlichen Gänsehaut das Buch zuklappt. Ich konnte jedenfalls nicht aufhören zu lesen, bis ich endlich die volle Wahrheit wusste und habe mich ganz wunderbar mit dem alten Internat, seinen Geheimgängen, dem tosenden Meer und zerfallenden Gräbern gegruselt. Außerdem hat der Autor mit zarten Liebesgefühlen zwischen Bobby und Caine einen guten Kontrapunkt etabliert, der die Charaktere plastischer macht und als kleine Verschnaufpause vom Haupthandlungsstrang dient.

Irgendwelche Kritik? Ich habe mich einige Male gefragt, ob das Buch in der Ich-Perspektive noch eindringlicher wäre. Dawson erzählt aus Bobbys Sicht, aber in der dritten Person und das bewirkt ein ums andere Mal eine gewisse Distanz zu den Ereignissen. Der Erzählstil ist ansonsten aber tadellos, wenngleich mir einige Dialoge etwas altbacken erschienen: Mit Schätzchen und Darling habe ich meine Freunde zu Jugendzeiten eher nicht angesprochen.  Aber ehrlich gesagt, begebe ich mich mit meiner Kritik bereits in den Bereich der Haarspalterei.

Am Ende ist „Sag nie ihren Namen“ eine wirklich tolle Gruselgeschichte, die den Spagat zwischen Jugendbuch und konventionellem Horrorgenre meistert. In diesem Sinne - 1,2,3… Mary kommt vorbei. Traut euch!



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Sag nie ihren Namen von James Dawson 
Originaltitel: Say Her Name
Übersetzer: Frank Böhmert
Taschenbuch: 336 Seiten 
Verlag: Carlsen 
Erscheinungsdatum: 2. Juli 2015 
ISBN: 978-3551314192 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren






Kommentare:

Kathrineverdeen hat gesagt…

Es hört sich großartig an! Ich weiß nur nicht, ob meine Nerven stark genug für solch ein Lektüre sind. Aber Krink reibt sich sicher schon die Hände! :-)

LG

lex hat gesagt…

... wenn ich ganz leise bin, kann ich krinks Hände tatsächlich schon hören. ;-)
LG und falls du irgendwann einmal Lust bekommst das Buch zu lesen liebe Kath: keine Angst, so richtig fies wird es nicht!

Krinkelkroken hat gesagt…

Fertisch! Habe die Hände gerieben bis es bei mir im Briefkasten lag und dann nochmals bis ich endlich im Urlaub war und am Zeltlagerfeuer loslegen konnte... Eine perfekte Grusellektüre für Jugendliche. Für mich hätts noch etwas grausiger sein können, aber die Umsetzung ist echt gelungen. Danke für den Tipp, Lex!

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