Samstag, 23. April 2016

[Rezension] "Provokateure" von Martin Walker

Bildquelle: Diogenes
Die Biografie Martin Walkers ist beeindruckend. Der gebürtige Schotte studierte in Oxford und Harvard Internationale Beziehungen und Wirtschaft, war dann 25 Jahre bei der britischen Tageszeitung The Guardian tätig und ist inzwischen Senior Fellow bei der Global Policy Council, einer Kaderschmiede für Topmanager. Eine Wahlheimat fand Walkers 1999 im Périgord, und hier spielen seine Kriminalromane, in denen Benoît Courrèges, genannt Bruno, Chef de Police des kleinen (fiktiven) französischen Ortes Saint Denis, in Aktion tritt. Mittlerweile ermittelt er in seinem siebten Fall, und um es gleich zu sagen: Es sollte auch sein letzter sein.

Walkers kreiert seine Krimis immer nach dem gleichen Muster: Brunos aktuelles Liebesdesaster, sein aktuelles Kochstudio, seine aktuelle Verstrickung in die Geschichte der Résistance, sein aktueller Fall. Daneben findet der Kommissar immer Zeit für einen Ritt durch die Landschaft, einen Plausch mit den Weinbauern und ein nettes Wort für seinen lieben Hund. Das Kochstudio brutzelt in „Provokateure“ allerdings auf Sparflamme. Macht nichts, denn Tausendsassa Walker hat ja auch ein Büchlein herausgegeben mit „marktfrischen Lieblingsrezepten des Krimihelden, garniert mit zwei delikaten Fällen für Bruno, Chef de Police“, wie der Diogenes Verlag lockend verkündet.

Der siebte Fall indessen ist wüst, so eine Art „Rainman bei den Taliban“: Vier Jahre, nachdem der junge Sami aus einer Moschee in Toulouse verschwunden ist, taucht er kahlköpfig und mit langem Bart auf einem französischen Militärstützpunkt in Afghanistan wieder auf und wird ohne viel Federlesens auf Staatskosten nach Frankreich zurückgeflogen. Schnell wird klar, dass der traumatisierte Autist von brutalen Dschihadisten gesucht wird, weil afghanische Terrormilizen sein Handicap in produktives Verbrechertum verwandeln konnten und der entwichene Sami fortan als Geheimnisträger gilt. Da brummt in „Provokateure“ der Bär wie in einem Aktion-Thriller aus den sechziger Jahren. Mittendrin Bruno, obwohl der da gar nichts zu suchen hat. Zugleich wird er (warum eigentlich er?) als Testamentsvollstrecker eines reichen jüdischen Arztes auserkoren, der als kleines Kind während der Nazi-Herrschaft mit seiner Schwester auf einem Bauernhof versteckt wurde und nun aus Dankbarkeit eine Gedenkstätte in St. Denis finanzieren möchte. Bruno erweist sich als unermüdlicher Google-Nutzer, Ideenlieferant und Gutmensch. Beeindruckend.

Wen allerdings Brunos fades Liebesleben beeindrucken soll, weiß man nicht recht. Mit Pamela herrscht Funkstille, und mit Fabiola wird es auch wohl nichts werden. Die hat einen neuen Freund, mit dem sie aber noch nicht das Lager teilt. Für Bruno Grund genug, polizeilich bei ihrer Gynäkologin zu ermitteln und sich als Traumaforscher zu betätigen. Mon Dieu! Und um zu erfahren, wie es mit Agent Nancy Sutton – eine Art frühes Bond-Girl – weitergeht, müsste man das nächste Buch lesen. Übrigens umgarnt Nancy, von der ein Duft von Seife und Shampoo ausgeht, soviel darf man verraten, den Chef de Police schlussendlich in roten (sic!) Samtpantoffeln! Ihre Herstellung dürfte in eine Zeit fallen, in der man Küsse, wie sie Polizeichef Courrèges locker macht, in Büchern als erotisch empfand. Kurz: Nicht einmal Nancy liefert einen überzeugenden Grund, Brunos achten Fall herbeizusehnen.





Martin Walker: Provokateure. Der siebte Fall für Bruno, Chef de Police.
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
Originaltitel: Children of War
Hardcover: 432 Seiten
Verlag: Diogenes
Erscheinungstermin: Mai 2015
ISBN: 978-3-257-06928-0

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