Dienstag, 8. März 2016

[Rezension] "Der Sohn" von Jo Nesbø

 "Der Sohn" von Jo Nesbø, Krimi
Bildquelle: ullstein
In den Kriminalromanen von Jo Nesbø sind die Psychopathen so allgegenwärtig wie in den Almhütten die Jodler. 2010 gestand der Erfolgsautor in einem Interview: „Mich interessiert, weshalb Menschen tun, was sie tun. Ihre Abgründe, ihre Dämonen, ihr Wahnsinn.“ In der Gestaltung des Ermittlers habe er sich für einen mit Problemen belasteten Einzelgänger entschieden. Genau so ein Kommissar ist Simon Kefas. Wegen einer früheren Spielsucht ist er strafversetzt worden und hoch verschuldet. Sein Privatleben wird überschattet von der Sorge um die geliebte Frau. Ihre Krankheit kostet Geld, und das macht Kefas potentiell bestechlich.

Mit dem im Osloer Hochsicherheitsgefängnis Staten einsitzenden Sonny Lofthus ist Kefas biographisch verbunden durch dessen Vater. Dieser vermeintlich korrupte Polizist hat sich das Leben genommen, als seine Spitzeldienste aufflogen. Aus Enttäuschung über den vergötterten Vater hat der Sohn die kriminelle Laufbahn eingeschlagen und besitzt im Staten seit Jahren einen besonderen Status. Er brummt für Morde, die er auf Freigängen verübt haben soll. Für seine „Geständnisse“ versorgt man ihn großzügig mit Drogen. 


Das ist ein Suizid auf Raten, der jäh gestoppt wird, als Sonny zu Ohren kommt, dass sein Vater ermordet wurde. Mit Hilfe eines Mitinsassen bricht er aus und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug, um dem Sinnlosen einen Sinn zu geben. Täuschung und Enttäuschung, Verrat und Freundschaft, Liebe und Hass, Rache und Sühne, Recht und Gerechtigkeit – Nesbø bietet großes Gefühlskino. Trivial wirkt das allerdings nie, dazu ist Nesbø ein zu kluger und ein zu melancholischer Erzähler, der um die zerbrechliche Einrichtung der Welt und die Fehlbarkeit der Menschen weiß.

Schnell wird deutlich, dass Nesbø nicht gewillt ist, Erzählmuster und Logik üblicher Kriminalromane zu folgen. Der Täter steht fest, aus seiner Perspektive wird streckenlang sogar erzählt. Das Motiv ist ebenfalls klar und die Verstrickung der vermeintlichen Opfer bald offenkundig. Die modi operandi geben zwar ein paar Rätsel auf, sind aber schnell gelöst. Die Schauplätze – Gefängnis, Obdachlosenasyl, Drogenmilieu –, allesamt interessant, aber nicht eben überraschend. Die Nebenfiguren sorgfältig ausgearbeitet, lesenswert allemal, aber häufig ohne Bezug zum Plot. Alles packend, aber auch wiederum nicht so prickelnd, dass der Leser knapp 500 Seiten lang atemlos bei der Stange bleibt. 

Doch wenn es um Spannung geht, ist auf Nesbø Verlass. Er irritiert schon allein dadurch, dass er Sonny als charismatischen Rächer aufbaut, der seine Verbrechen dem Gerechtigkeitssinn des Lesers überantwortet. Auch Kefas ist bei aller dubiosen Vergangenheit ein Sympathieträger. Krimiperfektion aber erlangt „Der Sohn“ dadurch, dass Nesbø in präziser, fast elegischer Sprache eine sensible Figurenpsychologie entfaltet, die das allzu Offensichtliche enttarnt und dahinter dem Unvermuteten Raum gibt. Denn Dämonen und Abgründen ist zu Eigen, dass sie lange Zeit unerkannt bleiben. Darauf beruht ihre Gefährlichkeit und die Güte dieses Kriminalromans.





Jo Nesbø: Der Sohn
Originaltitel: Sønnen
Übersetzung: Günther Frauenlob
Erscheinungsdatum: 6. November 2015 (Hardcover: 14. 11. 2014)
Verlag: Ullstein
Taschenbuch: 528 Seiten

ISBN: 978-3548287782

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