Sonntag, 28. Februar 2016

"Nur ein Tag" von Martin Baltscheit

Bildquelle: Dressler
Wenn man nur einen einzigen Tag zu leben hätte und es wüsste, wie würde man diesen verbringen? Wahrscheinlich mit vielen Grübeleien oder mit viel Selbstmitleid und am Ende des Tages, hätte man wahrscheinlich nichts wirklich genießen können. Man hätte sein Leben mit schlechten Gedanken verbracht ohne eine einzige Minute intensiv gelebt zu haben. Da wäre es wahrscheinlich besser, wenn man nichts von diesem Schicksal wüsste …

Schon bevor die kleine Eintagsfliege schlüpfte, ahnten das Wildschwein und der Fuchs, dass es besser gewesen wäre, abzuhauen. Jetzt sitzen sie mächtig in der Patsche, denn wie soll man so einem frisch geschlüpften und bezaubernden Wesen beibringen, dass sein ganzes Leben schon nach einem Tag vorüber sein wird? Und weil diese kleine Eintagsfliege einfach zu reizend ist, können Fuchs und Wildschwein sich nicht einmal mehr heimlich aus dem Staub machen. Aber die Wahrheit möchte auch niemand von ihnen aussprechen und so stammeln die beiden eine kleine Notlüge, die es allen etwas leichter machen soll: Der Fuchs würde den heutigen Tag nicht überleben, weil alle Füchse nie länger als einen Tag leben. Sehr gerührt beschließt die frisch geschlüpfte Fliege den Fuchs wieder etwas glücklicher zu machen und plant sein kurzes Leben inklusive dem ganz großen Glück.

Wie verpackt man so ein bedeutendes Thema für Kinder, ohne sie dabei zu traumatisieren? Selbst Erwachsene tun sich mit Problematiken wie Tod und Sterben ziemlich schwer, beschäftigen sich nur sehr wenig damit und deklarieren es gerne zu einem Tabu. Allerdings glaube ich, dass Kinder in ihrer Wahrnehmung oft unterschätzt werden und viel offener mit schwierigen Themen umgehen können als angenommen. Und gerade deswegen muss man sensible Themen wie Sterben und Tod plausibel erklären. Martin Baltscheit tut dies auf unbeschwerte Weise, in dem er drei skurrile und liebenswerte Figuren eine ganz besondere Geschichte erzählen lässt.

Baltscheits großartiger und unverkennbarer Stil spiegelt sich in jeder Zeile wieder: Es wird nichts beschönigt oder ausgeschmückt und doch bekommt man nie das Gefühl, die Handlung sei zu drückend. Viele Sätze sind sehr philosophisch und voll Poesie. Einige von ihnen laden zum Verweilen und Nachgrübeln ein. Man kommt als Leser nicht umhin, sich Gedanken über das eigene Leben zu machen und sich die Frage zu stellen: Lebe ich intensiv genug? Aufgelockert werden diese Momente meist von äußerst klaren, manchmal etwas ruppigen und wiederum sehr amüsanten Dialogen der Protagonisten und einer großen Portion Situationskomik. In der lebhaften Schicksalsgemeinschaft, bestehend aus drei divergenten Charakteren, bringt jede literarische Figur seine persönlichen und unterhaltsamen Eigenheiten mit. Jedoch sind sich alle drei einem Punkt sehr ähnlich: Sie wollen das Leben in vollen Zügen genießen. Das spürt man auf jeder Seite dieser Geschichte.

Auch die Gesamtgestaltung dieses Kinderbuches ist dem Dressler Verlag wunderbar gelungen. Die Schrift wird oft variiert um bestimmte Szenen zu intensiveren und alle Dialoge sind abwechselnd verschieden koloriert. Die schönen Illustrationen von Wiebke Rauers untermalen und ergänzen die Handlung. Trotzdem hätte ich mir als großer Martin Baltscheit gewünscht, dass er seine Geschichte selbst illustriert.

Nur ein Tag“ von Martin Baltscheit ist eine unverwechselbare und außergewöhnliche Geschichte, die ich nicht nur Kindern, sondern jedem ans Herz legen möchte. Dieses Buch sollte in keinem Regal fehlen, denn Baltscheits Geschichten sind perfekt, bedeutend und zeitlos.

Nur ein Tag“ von Martin Baltscheit kann man auch als Hörbuch genießen oder es als Theaterstück anschauen.




Nur ein Tag von Martin Baltscheit 
Gebundene Ausgabe: 105 Seiten 
Verlag: Dressler 
Erscheinungsdatum: 25. Januar 2016 
ISBN: 978-3791527024 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 - 8 Jahre

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