Freitag, 23. Oktober 2015

[Rezension] "Altes Land" von Dörte Hansen

Bildquelle: Random House Audio
Wie lange muss man an einem Ort wie diesem leben, um nicht mehr fremd zu sein? Diese Frage begleitet Vera schon seit langer Zeit, denn obwohl sie schon fast ihr ganzes Leben im Alten Land wohnt, fühlt sie sich wie ein Fremdkörper. 1945 floh sie mit ihrer Mutter aus Ostpreußen und beide fanden Zuflucht auf einem alten Bauernhof. Auch sechzig Jahre später identifiziert Vera sich immer noch als Flüchtling. Eines Tages steht plötzlich ihre Nichte Anne mit ihrem Sohn vor der Tür und auch diese beiden wirken, als seinen sie auf der Flucht.

Dat Hus is min und doch nicht min …

Dreh und Angelpunkt der Geschichte über eine Schicksalsgemeinschaft ist ein fragiles Fachwerkhaus im Alten Land, das mehr zu sein scheint, als man auf dem ersten Blick erkennen kann. Im Laufe vieler Kapitel bekommt man den Eindruck, als würde dieses Haus das Leben seiner Bewohner bestimmen und nach seinen Vorstellungen beeinflussen. Seine Bewohner und ihre erlebten Geschichten sind tief verbunden mit den morschen alten Balken, den knarrenden Türen und den zugigen Fenstern.

Besonders bei Vera scheint es, als sei sie sehr mit dem alten baufälligen Haus verschmolzen, jedoch wollen ihre Wurzeln, hier im Alten Land nicht wachsen.

Die starken und sehr divergenten Charaktere sind äußerst facettenreich gestaltet und nehmen den Leser auch noch lange nachdem die Geschichte gelesen ist voll in Anspruch. Hansen hat sich für ihr Buch auch betont kontrastreiche literarische Figuren ausgesucht: Verkopfte und moderne Städter prallen auf bodenständige und konservative Dörfler, die für die Geschichte eine unterhaltsame und humorvolle Mischung bieten.

Je nach eigener Vorliebe kann man die von Hannelore Holger gelesene Geschichte auf vielerlei Weise erleben. Man hört sie gemeinsam, um sich darüber austauschen, wie unterschiedlich man die literarischen Figuren erlebt und versteht und kann gemeinsam über die Ereignisse diskutieren. Oder man genießt sie ganz allein, um zwischen den Zeilen zu lesen und viele bildhafte Sätze mit wunderschönen Worten auf sich wirken zu lassen.

Dörte Hansen beginnt ihre Geschichte über zwei Einzelgängerinnen, mit zwei zeitversetzten Erzählsträngen, die sich einander Jahrzehnt um Jahrzehnt annähern. In zahlreichen Rückblicken schildert Hansen die Ereignisse um Veras Flucht aus Ostpreußen und ihrer Ankunft in einem ihr fremden Land. Diese imposanten Passagen haben mich sehr bewegt.

Die Autorin erzählt mit einem lebendigen und metaphorischen Stil von zwei Frauen, die überraschend zueinanderfinden und sich auf vielerlei Weise ergänzen. Zwei Menschen, die sich völlig fremd sind und viel mehr gemeinsam haben, als sie ahnen. Hansen berichtet auch über verschiedene Kulturen und die damit verbundenen Schwierigkeiten.

Die wandlungsfähige Hanseatin Hannelore Hoger ist eine vortreffliche Wahl für diesen Roman. Hogers heisere Stimme verleiht der Geschichte eine besondere Stimmung und Schwere. Sie verwächst mit dem Geschehen und ihren Figuren und bringt sie ihren Zuhörern auf diesen Weise sehr nahe.

Altes Land“ von Dörte Hansen ist ein außergewöhnliches Buch, das sich u. a. mit den Auswirkungen einer Flucht beschäftigt. Es macht deutlich, wie Menschen sich während dieser extremen Situation verhalten und wie sie sich verändern. Das Leben auf der Flucht ist selbst dann nicht zu Ende, wenn man nicht mehr vertrieben wird und man ein Dach über dem Kopf hat. Auch viele Jahrzehnte später bleibt ein vertriebener Mensch ein Flüchtling. Selbst seine Familie, die in einem sicheren Land geboren wurde, kann die Folgen noch deutlich spüren. Einige suchen ihr ganzes Leben nach Orten, oder nach Menschen, denen sie Vertrauen schenken und die ihnen Halt spenden.






4 Audio CD´s
Spieldauer: 5 Stunden und 13 Minuten
Version: Gekürzte Ausgabe
Erscheinungstermin: 16. Februar 2015
ASIN: B00SYL7VXG


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