Dienstag, 4. August 2015

[Rezension] "#Skandal" von Sarah Ockler

"#Skandal" von Sarah Ockler
Bildquelle: cbt
Endlich ist er da, der Moment, von dem du seit Jahren träumst: Der Junge, in den du schon so lange verliebt bist, hält dich fest in seinen Armen und küsst dich. Du lässt dich berauschen von den Gefühlen und dem Verlangen, die dieser Kuss in dir wecken. Genießt seine Wärme und die Nähe und wünschst dir, dass dieser Moment nie endet. Doch irgendwann erwacht etwas ganz anderes in dir. Etwas Klebriges, Dickes, das wie schwarzes Pech an deine Neuronen haftet. Plötzlich erwachst du aus deinem Gefühlsrausch und erstarrst bei dem Gedanken: Was habe ich nur getan? Er ist der Freund meiner besten Freundin!

Muss man in einer Freundschaft wirklich alles miteinander teilen, oder darf man kleine Geheimnisse für sich behalten? Selbst wenn man sich Hals über Kopf in den Freund seiner besten Freundin verknallt hat und ihn heimlich küsst? Es gibt Ereignisse, die man vielleicht lieber für sich behält und unter den Tisch kehrt. Was passiert, wenn man gerade bei dieser geheimen Eskapade stille Beobachter hat, die die brisante Knutscherei mit ihrem Handy fotografieren und sie anschließend im Internet verteilen, erfährt Lucy am eigenen Leib. Seitdem hat sie keine ruhige Minute mehr und wird fortwährend durch ihre Mitschüler schikaniert und beleidigt.
 
Die Grundidee zu "#Skandal" von Sarah Ockler erinnerte mich ein wenig "Gossip Girl" nur ohne die reichen, glamourösen Mädchen der Upper East Side. In dieser Geschichte animiert eine anonyme Person mit dem Namen "Miss Behave" ihre Follower, ihr pikantes Material aus dem Alltag einer Highschool zuzusenden, um diese anschließend als #Skandal im sozialen Netzwerk zu verbreiten. "#Skandal" wirkt aufgrund des Settings jedoch viel bodenständiger, greifbarer und dieses aktuelle Thema lässt sich wunderbar auf den ganz normalen Alltag übertragen. Denn es gibt nur wenige Menschen, die man nicht in den sozialen Netzwerken finden kann.

Die ersten Kapitel von "#Skandal" habe ich als sehr aufregend, tiefgründig und interessant empfunden. Bereits in den ersten Passagen versetzt die Autorin ihre Leser direkt und ohne große Erklärungen mitten ins Geschehen. Man erfährt, wie es zu dem skandalösen Kuss kommt und welche gravierenden Folgen er nach sich zieht. Der Leser wird aufgrund der spärlichen Informationen dazu gezwungen, die verschiedenen Geschehnisse und Personen miteinander zu verknüpfen und Vermutungen anzustellen. Nach dem ersten Drittel wird das Handlungsgerüst etwas fragiler. Es finden viele Gespräche statt, in denen es darum geht, den Urheber der brisanten Fotos auszumachen. Wirklich viel passiert indessen nicht. Da hilft es wenig, dass Sarah Ockler eine weitere Geschichte mit einwebt. Denn jetzt werden nicht nur die Ereignisse um Lucy besprochen, sondern auch noch die ihrer Schwester, die plötzlich aus dem nichts auftaucht. Diesen Erzählstrang hätte sich die Autorin sparen können, denn diese zusätzliche Geschichte nimmt sehr viel Raum ein und ist meiner Meinung nach völlig überflüssig. Im letzten Drittel wird die Handlung wieder dichter und interessanter, um den Leser mit einem runden Ende zu belohnen.

Sarah Ocklers Schreibstil war anfangs für mich sehr erfrischend und ich freute mich auf die folgenden Kapitel. Ihre Figuren haben es mir jedoch etwas schwerer gemacht, denn diese werden von der Autorin nicht stimmig gestaltet. Sie bekommen Namen, aber von ihrem Äußeren und ihrer Persönlichkeit erfährt der Leser nur wenig oder gar nichts. Es blieb bei den Namen und ich konnte diese Vielzahl an Figuren kaum auseinanderhalten. 
Die literarische Hauptfigur Lucy ist kein typisches Opfer, das sich selbst mit negativen Gedanken quält. Ihr defensives Verhalten war für mich jedoch nicht immer nachvollziehbar. Lucys Persönlichkeit wirkt manchmal etwas widersprüchlich. Ihre Leidenschaft für Zombies und Computerspiele wird zwar oft angesprochen, aber da die Handlung überwiegend in Lucys Schule stattfindet, erlebt man nie, wie sie ihre Passion auslebt.

Man kann "#Skandal" von Sarah Ockler sehr unterschiedlich erleben und man findet viele unterschiedliche Meinungen im Netz. Mich konnte diese Geschichte trotz des sehr interessanten und aktuellen Themas nicht vollends überzeugen. Trotzdem werde ich sicher wieder zu einem Buch der Autorin greifen, denn gerade in den ersten Kapiteln hat mir der Schreibstil sehr gefallen. 




#Skandal von Sarah Ockler  
Originaltitel: Scandal Aus dem Englischen von Katrin Weingran
Hardcover: 416 Seiten  Verlag: cbt / Randomhouse Erscheinungstermin: 25. Mai 2015 ISBN: 978-3-570-16298-9
Altersempfehlung: ab 14

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