Sonntag, 26. Juli 2015

Nachgefragt bei... Hanna Leybrand


Café Grano
Liebe LeserInnen, es ist Zeit für einen neuen Artikel aus unserer Rubrik "Nachgefragt": Der Sommer eignet sich hervorragend zum Lesen und Schreiben - in der Hängematte, am Pool, auf der Wiese. Wer dazu keine Muße hat, treibt sich dieser Tage gerne im Café herum und genießt bei einem Schörlchen oder einem geeisten Kaffee die Aussicht oder nette Gesellschaft. Zu letzterem habe ich mich entschieden: In Heidelberg traf ich die Autorin Hanna Leybrand und habe sie im Café Grano am Kornmarkt über ihr Schriftstellerdasein befragt. Das jüngst erschienene Buch "Tigerküsse" hat Kate bereits rezensiert (zur Rezi hier lang: Klick). Ich hatte eine wundervolle Zeit mit der faszinierenden Autorin, deren Lyrik ich sehr schätze, und hoffe, dass durch das folgende Interview ein wenig Savoir Vivre dieser sonnigen Abendstunden auf euch abfällt.

Krink: Was die Leserschaft immer brennend von einem Autor oder einer Autorin wissen möchte, klingt zwar abgedroschen, nichtsdestoweniger muss die Frage aber gestellt werden: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum?

HL: Als Schulkind war ich eine Leseratte, die davon träumte, vom Schließdienst in der Stadtbücherei, damals Amerikahaus und in der Redoute der fürstbischöflichen Residenz untergebracht, vergessen zu werden. Ein ganzes Wochenende in einem Barockinterieur, umgeben von Büchern allein Tag und Nacht ungestört zu stöbern und zu schmökern, stellte ich mir himmlisch vor. Alle drei Wochen fünf Bücher, mehr durfte man nicht ausleihen, waren schnell verschlungen. Ich entdeckte die Weltliteratur. Diese Lesewut hinterließ jedoch bald eine Art Leere. Ich wollte selber schreiben.
Ein erstes Gedicht, das sich vielleicht deshalb erhalten hat, weil mein Klavierlehrer es für mich vertonte, entstand mit neun, ein Abendgedicht mit mehreren gereimten Strophen.
Als sechzehnjährige Gymnasiastin schickte ich reimlose Gedichte an die regionale Tageszeitung. Fünf Mark zahlte die Redaktion für ihre Veröffentlichung, und es kam vor, daß eine Verszeile fehlte. Rom-Impressionen der Abiturreise wurden gedruckt und ein ganzseitiger Bericht mit eigenen Fotos einer fünfwöchigen Paddeltour auf der Donau bis an die bulgarische Grenze. Sport-Scheck in München organisierte für mich im Deutschen Museum einen Diavortrag. Diese Aktivitäten gefielen leider nicht meinem Schuldirektor, einem promovierten Altphilologen. In guter jesuitischer Tradition hielt er Schulspiel und Chor- und Orchestermusik in Ehren und hatte auch sonst einige gute Eigenschaften. So gab er etwa einen Gedichtekanon heraus, dessen Inhalt nach und nach von der ersten bis zur letzten Klasse auswendig zu lernen war. Der freie Vortrag entsprach meinem Geschmack. Aus den Beständen der Stadtbücherei legte ich mir in Schönschrift selbst eine Privatanthologie an.
Kornmarkt Heidelberg
Mit dreizehn erlebte ich einen Liebesroman, den ich alsbald literarisch umsetzte. Die Furcht, meine Mutter könnte mir auf die amourösen Schliche kommen oder schlimmer noch, die Schulleitung, behinderte allerdings den Schreibfluß. Für das Objekt dieser frühen Begierde ging die Sache nicht gut aus. Ich verlegte mich ersatzweise auf die ungefährlichere Beobachtung ausgewählter Mitschüler und verfaßte eine Art schriftlicher Psychogramme, heimlich, versteht sich. Die Ergebnisse waren nicht dazu angetan, der Analyse Taten folgen zu lassen. Der Roman wurde vertagt. Das Schreiben, auch das verstohlene, blieb. Ich nehme an, eine Begabung ist zwingend.
Soviel zur Frage, wie ich zum Schreiben kam. Das Warum ist schwieriger zu beantworten. Es ist mit Lust verbunden. In der ästhetischen Verdichtung sinnlicher Wahrnehmung liegt für mich ein großer Reiz. Ich bin neugierig auf Menschen, wie sie sich in ihrem Verhalten zeigen. Ich bin eine Autorin, die aus der Anschauung, aus der Erfahrung schreibt. Deshalb habe ich über viele Pausen und Zweifel hinweg immer Tagebuch geschrieben. Das ist mein Steinbruch, aus dem die Geschichten kommen und in dem sinnliche Phänomene und situative Details vermerkt sind. Da notiere ich, was mich fasziniert. Das kann ein Gesicht sein, eine Stimmung, ein bestimmter Ort, eine Anekdote. Ohne irgendeine Faszination mag ich nicht schreiben. Papier und Schreibzeug begleiten mich überallhin.

Krink: Sie haben Geisteswissenschaften in Heidelberg studiert und sich in Mannheim im Gesangsfach ausbilden lassen. War es diese Kombination aus Musikalität und Sprache, die Sie zu Ihrer Lyrik inspiriert hat?

HL: Die Frage nach dem Verhältnis von Musikalität und Sprache in meiner Lyrik ist nicht leicht zu beantworten. Ich bin eine Liebhaberin der Literatur, keine Germanistin. Kann sein, daß die Musik für mich als Musikerin ein großes Bild- und Motivreservoir darstellt. Ganz sicher hat der Rhythmus meiner Lyrik, haben meine Assonanzen (Reime schreibe ich ja nicht, höchstens Binnenreime), die Färbung der Vokale etwas mit meiner Musikalität zu tun. Ein Heidelberger Publizist sagte einmal über ein Gedicht, das die Rhein-Neckar-Zeitung veröffentlichte und zu dem er mir spontan am Telefon gratulierte: »Das Gedicht hat einen Rhythmus, der fröhlich macht. Das ist sehr selten.« Der Mannheimer Komponist Wolfgang Hofmann ließ sich von meinen Gedichten zu musikalischen Aphorismen für Altsaxophon-Solo inspirieren. Wenn sich die Musikalität meiner Sprache auf andere überträgt, so freut mich das natürlich. Beabsichtigt ist diese Wirkung nicht.

Krink: Ihre Liebe gilt nicht nur dem Schreiben, sondern auch der Musik − können Sie beide Talente als Hobby in Ihr Alltagsleben integrieren?

HL: Es geht gar nicht um irgendwelche Hobbies, sondern um ein inneres Drängen, um wichtige Bedürfnisse meiner Person, letztlich um ein Stück meiner Identität. Dem kann ich so nachgehen, wie es andere Pflichten oder auch Lust, Laune und Inspiration erlauben. 2004 bis 2013 erarbeitete ich mit dem russischen Pianisten Valery Rüb Konzertprogramme. Ich hatte Lust, wieder einmal öffentlich aufzutreten und eine richtige Inszenierung zu machen mit Requisiten und Kostümen. Auch das Schreiben kam nicht zu kurz, denn ich moderierte die Aufführungen selbst. Damals gab es in Heidelberg das »Anna Blum-Kabarett«, eine Kleinkunstbühne neben dem Theater, in Mannheim gibt es immer noch »Gerings Kommode«. Valery Rüb begleitet mich auch bei Lesungen. Und sonst? Zweimal im Monat kommt er in mein Musikzimmer, und wir machen ein kleines Hauskonzert. Ein oder zwei Freunde trinken Tee und hören mir zu. Wenn ich eine Stunde gesungen habe, ohne Streß, ohne Zwang, bin ich ein neuer Mensch. Musik und Literatur, d.h. Singen und Schreiben sind Kraftquellen, die mir manches Bittere im Leben versüßen.

Krink: Sie haben bereits Gedichtbände verfasst. Nun sind mit »Tigerküsse« gleich zwei Romane von Ihnen erschienen. Was hat Sie zu diesem Gattungswechsel bewogen?

HL: Es sind zwei Gedicht- und vier Prosabände. Ich habe seit Jahr und Tag in meinen Tagebüchern auch elaborierte Formen der Prosa gepflegt, oft auch in narrativer Form. Diese Prosa entstand meist gleichzeitig mit meiner Lyrik, wurde aber wegen der nötigen inneren Geschlossenheit der Bände erst nacheinander publiziert. Dabei wollte ich mir meinen Weg über verschiedene kleinere Erzählformen bis hin zu größeren und artistisch komplexeren Darbietungsmöglichkeiten erarbeiten.

Krink: Bei unseren Lesern ist vor allem der erotische Ton Ihrer Geschichten gut angekommen. Nun fragt sich natürlich jeder brennend: Woher haben Sie sich die Inspiration zu Ihren Geschichten genommen?

HL: Meine Prosatexte und Gedichte sind erotisch. Sie sind aber nicht sentimental. Sie gestalten das Erotische, ja manchmal sogar das Intime von Hingabe und Lust als willkommene Mächte und Erfahrungsdimensionen auch meiner Existenz. Typisch scheint mir, daß ich mich von jeglichen Stereotypen, auch »feministischen«, freihalte und hinter allen Begebnissen von Freude und Lust auch ein dunkles Ostinato von Wagnis, Scheitern, ja von potenziellen Katastrophen lauert. Diese tragische Dimension meiner Erzählkunst verbindet sich, soweit ich das sehe, auf eine eigentümliche Weise bei mir immer mit dem Ja-Sagen, dem Ja zu allen Empfindungen und Erfahrungen, auch von Versuchungen der emotionalen Bewegung und körperlichen Lust. Wie meistens in der Dichtung lassen sich bei meinen Texten autobiografische Verdichtungen, phantasiehafte Exkurse und literarische Übermalungen kaum trennen, oft verbunden mit einer literarischen Hommage an diesen oder jenen bekannten Autor, z.B. Vladimir Nabokov, D. H. Lawrence oder Henry Miller.

Krink: Sie beziehen sich in »Der Meister des Pinsels« sehr stark auf fern-östliche Liebeskunst? Woher beziehen Sie Ihr reichhaltiges Wissen hierüber?

HL: Gute Pinsel haben mich immer fasziniert, literarisch und auch sonst. Die Kenntnis der fernöstlichen Pinsel beruht sehr tief auf meiner umfangreichen Sammlung chinesischer Literatur, zu deren Verifizierung mir hie und da auch Kontakte mit lebenden jungen Chinesen dienten.

Krink: Eine Rezensentin bezeichnete »Tigerküsse« als bibliophiles Kleinod, nicht zuletzt wegen der ästhetischen Aufmachung des Buches. Wie kam es zu der Idee, Beardsley einzubeziehen?

HL: Beardsley gehörte zu meinen bildkünstlerischen Favoriten. Wer sein Werk durchstöbert, weiß warum.

Krink: »Tigerküsse« sind zwar erotisch, zeigen aber nicht unbedingt ein glückliches Ende einer Beziehung. Sehen Sie auch jenseits des literarischen Lebens schwarz für die Liebe?

HL:  Meine erotischen Romane zeichnen Rausch und Glück,
verfallen aber nicht den Lockungen des Idylls. Sie öffnen sich auch den Wunden und Abgründen des Erotischen, ja mancherlei Aporien. Ich habe keine Liebesromane geschrieben noch schreiben wollen. Wissen meine Protagonisten, was Liebe ist? Martha Ruland zitiert den großen französischen Liebestheoretiker Stendhal: »Jeder für sich in dieser Wüste des Egoismus, die man das Leben nennt.« Stendhal bezieht diese Erkenntnis auf Julien Sorel, den jungen sympathischen und doch skrupellosen Parvenü, der über Leichen geht, Frauenleichen, im berühmten Roman »Rot und Schwarz«. Auch in meinen Romanen sind Egoisten am Werk. Sartre definierte Liebe als »Egoismus zu zweit.« Das trifft sicher auf meine Figuren zu. Eine jede will etwas, erwartet etwas vom anderen: Der »Meister des Pinsels« will in Deutschland bleiben und ein berühmter Maler werden. Dazu braucht er eine deutsche Frau. Der »Meister aus Schanghai« probiert seine erotische Macht aus, bis er in seinem Allmachtrausch einmal an die Falsche gerät. Der Spieler sucht eine Frau, die ihn vor seiner Spielsucht rettet und ihm ein komfortables Leben finanziert. Die Frauen wollen sich erotisch amüsieren. Ich sehe nirgends eine Einstellung, die ich als Liebe gelten lassen möchte. Meine Protagonisten sind auf der Suche nach Glück oder nach dem, was sie darunter verstehen. Stendhal hat in seinem großen Essay »Über die Liebe« das Gescheiteste über die Liebe geschrieben, das ich je von einem Mann gelesen habe. Er war kein glücklicher Liebhaber, aber er war ein großer Liebender. In meinem ersten Gedichtband: »Schafft die Träume ab. Gedichte nicht nur von der Liebe« habe ich ihn in den Motti zu den fünf Gedichtzyklen reichlich zitiert. Denn ich habe einen ganzen Band Liebesgedichte geschrieben. Auch in »Tage in Weiß und Blau«, meinem zweiten Gedichtband, findet sich davon. In Prosa? − Nichts dergleichen. Deshalb sehe ich aber nicht schwarz für die Liebe, denn die schönsten Blumen wachsen nicht selten auch auf sehr rauhem Gelände. Oder wie Stendhal es formuliert: »Die Liebe ist eine köstliche Blume, aber man muß den Mut haben, sie vom Rande eines schauerlichen Abgrundes zu pflücken.« Diese Art von existenziellem Mut sehe ich bei keiner meiner Figuren. Man kann sich streiten, was das ist: Liebe. Ein anderes Stendhalzitat lautet: »Die Liebe gleicht der sogenannten "Milchstraße" am Himmel, jenem Heer von Tausenden und aber Tausenden kleinen Sternen, von denen mancher oft nur ein Nebenfleck ist.« Die Exzerpte meiner begeisterten Stendhal-Lektüre stammen aus meiner Schulzeit als Gymnasiastin. Sie haben nichts von ihrer Faszination verloren. Privat sehe ich keinesfalls schwarz für die Liebe und hatte nie Grund dazu.

Krink: Ihr nächstes Projekt?

HL: Ich stecke im dritten Kapitel eines großen Romans (Vorarbeiten gehen zurück auf meine Studentenzeit), der zweierlei verbinden soll: einen Epochenroman des akademischen Milieus der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre und eine subtile Anamnese intellektueller, emotionaler, darunter auch erotischer sehr komplexer Verwicklungen, vor allem an Hand der Lebensgeschichte eines jungen Migranten.

Krink: Wir von "Kathrineverdeen" danken Hanna Leybrand ganz herzlich für das inspirierende Interview und die schöne Zeit und sind schon gespannt auf das nächste Projekt!

Bisher erschienen: 


  • Schafft die Träume ab. Gedichte nicht nur von der Liebe, Heidelberg 2003
  • Der Chaosforscher. Geschichten & Kurzprosa, Heidelberg 2005
  • Der Schwarzwaldschamane. Geschichten & Kurzprosa, Heidelberg 2006
  • Tage in Weiß und Blau. Gedichte, Heidelberg 2007
  • Das Nest. Neue Prosa – Neue Lyrik, Heidelberg 2011
  • Tigerküsse. Zwei kleine Romane, Heidelberg 2014
  • Wilhelm Kühlmann: Fäden im Labyrinth. Literarische Streifzüge 1984-2004, hg. von Jost Eickmeyer und Hanna Leybrand, Heidelberg 2009




  • Kommentare:

    Kathrineverdeen hat gesagt…

    Vielen Dank für dieses geniale Interview! Mir scheint, ihr hattet einen sehr netten und kreativen Nachmittag :-)
    LG

    Krinkelkroken hat gesagt…

    Danke, den hatten wir wirklich! Ein tolle Autorin und eine tolle Frau!
    LG

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