Samstag, 14. Februar 2015

"Kindertotenlied" von Bernard Minier


Bildquelle: Droemer Knaur
Um seinen Schlaf gebracht, späht während eines heftigen Gewitters ein alter Professor des Nachts aus dem Fenster und macht eine schaurige Entdeckung. Auf dem Nachbargrundstück sitzt ein verstörter Junge am Swimmingpool, in dem zahlreiche Puppen wie kleine Kinder im Wasser treiben. Die hinzu gerufene Polizei macht im Haus einen entsetzlichen Fund. Die Besitzerin, eine junge attraktive Frau, Professorin an der Elite-Universität Marsac, liegt ertrunken in der Badewanne. Der Mörder hat sie wie einen Kokon brutal zusammengeschnürt und mit einer leuchtenden Taschenlampe geknebelt. Aus den Lautsprechern der Stereoanlage dröhnen mit ohrenbetäubender Lautstärke Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“.

„Kindertotenlied“, so lautet der neue Thriller von Bernard Minier. Er ist ein Meister seines Genres. Mahlers Liederzyklus, den er 1901 und 1904 nach Texten einer gleichnamigen Gedichtsammlung von Friedrich Rückert komponierte, läuft wie ein roter Faden durch die komplexe Fabel und verbindet leitmotivisch unterschiedliche Erzählstränge mit hohem Personalaufgebot. Martin Servaz, der leitende Kommissar, kennt und schätzt den Liederzyklus Mahlers. Diese Wertschätzung teilt er ausgerechnet mit Julian Hirtmann, einem entflohen Serienmörder, der in diesen Fall verwickelt zu sein scheint. Will der gefährliche Psychopath ein geheimes Band zu Servaz knüpfen, indem er ihm verschlüsselte Botschaften zukommen lässt? Zunehmend fühlt sich der Kommissar von einer beklemmenden Angst befallen.

Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas – Platon ist mir lieb, aber noch lieber ist mir die Wahrheit, lautet das Motto von Servaz, den Bernard Minier eher als verhinderten Poeten und Philosophen zeigt denn als Polizisten. Treffend charakterisiert eine Mitarbeiterin ihren Chef als „ein Mann mit Widersprüchen, den seine Vergangenheit verfolgte, ein Mann voller Wut und zugleich voller Zärtlichkeit, der in jeder Geste und jedem Wort zu verstehen gab, dass jeder Mensch durch jede einzelne seiner Handlungen den moralischen Wert der Menschheit insgesamt mitbestimmte. Er war der melancholischste Mensch, den sie kannte. Und der aufrichtigste. Umgetrieben – dieses Wort fiel ihr ein, wenn sie an ihn dachte.“

Der Thriller, in dem nach bester Machart des Genres sorgfältig und mit Bedacht ermittelt wird, bis sich alle Puzzleteile überraschend zusammenfügen, bietet mehr als interessante Figuren und spannende Unterhaltung. Wohl lauert Julian Hirtmann, in dem der kannibalistische Serienmörder Hannibal Lecter seinen Meister gefunden hätte, immer als möglicher Täter im Hintergrund und sorgt für Spannung. Es dominiert aber bis auf das Anfangstableau nie die nackte Gewalt.

Stattdessen teilt sich atmosphärisch dicht ein unfassbares Grauen mit, das mit der letzten Seite des Buches kaum nachlässt und noch Tage später als mulmiges Gefühl den Alltag begleitet. Leser mit schwachen Nerven sollten einen Bogen um das Buch schlagen und es besser verschenken. Wer sich auf „Kindertotenlied“ einlässt, wird mit einem psychologisch faszinierenden Thriller belohnt, der in die Untiefen traumatisierter Kinder führt.

Bernard Minier, Jahrgang 1960, ist in den Ausläufern der Pyrenäen im Südwesten Frankreichs aufgewachsen und im Hauptberuf Zöllner. Nach mehreren Kurzgeschichten wurde er für Schwarzer Schmetterling, das Martin-Servaz-Debüt, mit dem renommierten Prix Polar 2011 für den besten Roman ausgezeichnet. Minier sei ein exzellenter Erzähler, jubelte die französische Zeitung Le Figaro nun nach Erscheinen von „Totenkinderlied“. Das kann man nur unterstreichen.




"Kindertotenlied"
von Bernard Minier
Verlag: Droemer Knaur
Hardcover: 656 S.
Erscheinungstermin: Februar 2014
ISBN: 978-3-426-19980-0

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