Samstag, 28. Februar 2015

[Rezension] "Ein dunkler Fleck" von Ann Cleeves

Bildquelle: Rowohlt
Die britische Kriminalautorin Ann Cleeves, 1954 geboren, versteht ihr Geschäft seit nahezu dreißig Jahren. Neben den Shetland Islands bilden die Landschaften und Städte Northumberlands die Kulisse für ihre Geschichten, und das so lebensecht, dass der Landstrich einen guten Teil seiner Besucher aus den Lesern rekrutiert. Zum Krimi werden die Geschichten, weil das Böse nun mal zur Menschennatur gehört und sich insofern überall auf der Welt zeigen kann. Diesmal offenbart es sich in „Harbour Street“, im kleinen fiktiven Örtchen Mardle nahe New Castle, genauer in einer gleichnamigen Pension, wo alle Fäden zusammenlaufen, die zur Aufklärung eines unbegreiflichen Verbrechens beitragen. Opfer ist eine siebzigjährige, wegen ihres kirchlichen und sozialen Engagements allseits geschätzte freundliche Lady.

Das Muster dieses Krimis ist seit Agatha Christie bekannt. Auch die legendäre Miss Marple zeigt ihre blitzgescheite Schrulligkeit in einem winzigen Örtchen, in St. Mary Mead, in dem, nebenbei bemerkt, zu „Lebzeiten“ der Amateurdetektivin immerhin 16 Morde geschehen. Miss Marple's Vorzug gegenüber der Polizei ist, dass sie tiefer als diese in menschliche Abgründe schaut, sich vom allzu-Offensichtlichen nicht täuschen lässt und am Ende eine Auflösung des Falls präsentiert, die überrascht, obwohl sie nicht wirklich überraschend ist.

Bis dahin ist Lesegeduld gefordert. So werden auch in „Harbour Street“ Verdächtige ausgespäht und entlastet, Alibis behauptet und verworfen, Geheimnisse gehütet und aufgedeckt. Irgendwie stecken alle mit drin. Irreführende Lösungswege sind damit für den Leser vorprogrammiert. Die Antwort auf die alles entscheidende Frage, die dem Krimi-Typ seinen Namen verlieh, “Whodunnit”, ist darum ebenso unerwartet wie unspektakulär. Erklärungen für das Böse werden kaum angeboten, der Krimi entzieht sich historischen, soziologischen oder psychologischen Kontexten. Wer will schon so genau wissen, warum ein Bösewicht ein Bösewicht geworden ist?

Nun ist Christie’s Miss Marple – man darf sich hier durch die Verfilmungen mit Margaret Rutherford nicht täuschen lassen – kultiviert, selbstbewusst, von vornehmer englischer Blässe und zartem Körperbau. All das kann man von der Ermittlerin, die Ann Cleeves ins Rennen schickt, nun wahrlich nicht behaupten. Vielmehr ist der DCI das, was der Volksmund gern als Wuchtbrumme bezeichnet.

„Draußen stand eine Frau von ungeheuerlicher Gestalt. Sie trug einen ausgebeulten Anorak über einem Tweedrock und hatte ein breites Gesicht mit kleinen braunen Augen. Die Kapuze verdeckte ihr Haar. An den Füßen trug sie Gummistiefel. Der ganze Körper war schneebedeckt. ... Die Frau des Yeti, dachte Kate. Dann sagte die Frau etwas. Würden Sie uns bitte hereinlassen, Herzchen? Hier draußen ist es eiskalt. Ich bin Vera Stanhope. Inspector Vera Stanhope.

Ihren mächtigen Körper nährt Stanhope mit Whisky, Fish & Chips. Und dass die Bezeichnung „unkonventionell“ einen Euphemismus für ihre Ermittlungsmethoden darstellt, muss nicht eigens erwähnt werden. So brachial Stanhope nach außen erscheint, so filigran ist sie im Inneren. Einsamkeit und Melancholie paaren sich charmant mit Schneid und Witz und bewahren sie davor, zur komischen Figur zu werden.

Mit der grantigen Dicken mit dem goldenen Herzen bekommen die Leser eine gehörige Portion Klischee verpasst. Als Ermittlerfigur ist Stanhope allerdings ein Solitär. Sie garantiert neben angenehm unterhaltender Lektüre am Ende einen geruhsamen Schlaf, denn spätestens auf der letzten Seite sind Recht und Ordnung wieder hergestellt. Und Mardle darf wieder sein, was es immer sein wollte: ein nordenglisches Fischerdörfchen, bereit, Touristen zu beglücken.





"Ein dunkler Fleck. Vera Stanhope ermittelt" von Ann Cleeves
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: November 2014
ISBN: 978-3-499-26942-4

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