Dienstag, 16. September 2014

"Ein gutes Mädchen" von Jennifer duBois

Bildquelle: Aufbau Verlag
Nachdem ich mich in dem bedeutungsschweren Debüt „Das Leben ist groß“ von Jennifer duBois` schier unerschöpflichen Talent überzeugen konnte, wusste ich, dass dieser Roman der Autorin nicht der letzte für mich sein wird. Nach einer anderthalbjährigen Wartezeit konnte ich mich jetzt auf ein neues Buch aus der Feder von Jennifer duBois freuen.

Seit dem Jahr 2007 erregt ein Mordfall großes Aufsehen: der Fall Amanda Nox. Und bis heute gibt dieser Fall der Justiz und vor allem den Medien Rätsel auf. Auch Jennifer duBois hat dieser Mordfall tief bewegt und sie dazu inspiriert sich diesem, in ihrem Roman „Ein gutes Mädchen“, literarisch zu nähern. In ihrem neuen Buch erzählt duBois die Geschichte der amerikanischen Studentin Lily Hayes, die ein Auslandssemester in Buenos Aires verbringt. Hier möchte sie ihr junges Leben in vollen Zügen auskosten und die ihr so fremde Sprache erlernen. Als eines Tages ihre Zimmergenossin Katy Kellers umgebracht wird, steht Lily plötzlich unter Mordverdacht und wird angeklagt. Während der Staatsanwalt fest an die Schuld von Lily glaubt, versucht ihre Familie alles Menschenmögliche um ihre Unschuld zu beweisen und sie aus den Fängen der Justiz zu befreien. Doch ist Lily wirklich das gute und unschuldige Mädchen, an das ihre Eltern so fest glauben?

Mit dem gewohnt ausgereiften und wortgewaltigen Sprachstil beschreibt duBois ein Justizdrama um ihre vielschichtige literarische Figur Lily Hayes. Sie berichtet von den Schwierigkeiten eines Indizienprozesses, in dem nur eines klar ist: dass Katy Kellers ermordet wurde. DuBois zeigt auf, welche wichtige Rolle die Medien dabei einnehmen und wie sehr diese das Gesamtbild durch Kleinigkeiten verzerren und den Prozess beeinflussen.

In diesem Roman bekommen wir Leser die Rolle des stummen Beobachters zugeteilt. DuBois hat uns mehrere Charaktere zur Seite gestellt, die uns schonungslos an ihren Gedanken teilhaben lassen. Durch sie erlangen wir viele verschieden Eindrücke von Lily und dem Tatvorgang. Jedoch bemerkt man schnell, dass mit jedem neuen Blickwinkel auch ein völlig neues Gesamtbild entsteht. Wir Leser beobachten, wie der Mord und die Anklage, Lily und die Personen die sie umgeben agieren lassen. Und erleben, wie sehr diese prekäre Situation einen Menschen verändern kann und ihn manchmal voreilige Schlüsse ziehen lassen.

Schuldig oder unschuldig? Um das herauszufinden, muss man in dieser Geschichte eigene Schlüsse ziehen. DuBois führt ihre stummen Beobachter lediglich an diesen so widersprüchlichen Fall heran. Sie verstreut ein paar Hinweise, die es miteinander zu verknüpfen gilt. Jedoch sorgen die verschiedenen Betrachtungsweisen ihrer literarischen Figuren immer wieder für Zweifel an den mühsam erarbeiteten aufgestellten Theorien. 

Ein gutes Mädchen“ von Jennifer duBois hat mich lange beschäftigt, nicht nur wegen der Brisanz des Themas, sondern auch, weil es mir sehr schwer fiel, dieses Buch zu beurteilen. Die Autorin beweist erneut ihr Talent für die Beschreibung vielschichtiger und starker Charaktere. Sie besticht durch anspruchsvolle Handlungsstränge, starke Dialogszenen und einem wortgewaltigen und klaren Sprachstil. Und doch konnte mich die Geschichte nicht komplett überzeugen. Die Handlung und die Charaktere wirkten insgesamt etwas kühl und einige Protagonisten durften sich mit ihren Gedanken zu weit in die Bedeutungslosigkeit entfernen. Dadurch entstanden für mich einige Längen, die mich von dem Geschehen um Lily und dem Prozess trennten. Hinzu kam, dass ich mir eine deutlichere Betrachtung der Rolle der Medien gewünscht hätte. Trotz meiner Kritikpunkte bin ich mir sicher, dass dieses Buch viele Leser überaus begeistern wird. Auch wenn duBois mich mit diesem Buch nicht völlig für sich einnehmen konnte, warte ich gespannt darauf, welchem Thema die Autorin sich in ihrer nächsten Geschichte annehmen wird.  




Ein gutes Mädchen von Jennifer duBois 
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten 
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsdatum: 18. August 2014 
ISBN: 978-3351035747

Kommentare:

Krinkelkroken hat gesagt…

Eine tolle Rezension: Die Stärken und Schwächen sind überaus hilfreich von dir beschrieben worden! Für mich kein Buch, dass unbedingt gelesen werden muss - dafür die Autorin umso mehr. Mille Grazie!

Mikka Liest hat gesagt…

Tolle Rezi, und sehr hilfreich! Irgendwie glaube ich, dass das Buch etwas für mich wäre - bei der Beschreibung klang es für mich so, als wäre es vielleicht etwas Ähnliches wie die Bücher von Gillian Flynn, die ich sehr mag. Die schreibt auch eher kühle Charaktere, aber ich liebe ihren Schreibstil!

Krinkelkroken hat gesagt…

Stimmt - danach hört es sich an! Dann magst du sicher auch die Tana French-Krimis, oder?

Mikka Liest hat gesagt…

Hab ich noch nicht ausprobiert! :-)

Kathrineverdeen hat gesagt…

Danke dir :-) Ich bin froh, dass ich dir die Autorin schmackhaft machen konnte, denn diese ist wirklich überaus talentiert. Versuch mal ihr Debüt!
LG

Kathrineverdeen hat gesagt…

Danke :-) Ich kenne Flynn nicht, deswegen weiß ich nicht, ob es in diese Richtung geht.
LG

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