Freitag, 22. August 2014

[Rezension] "Sannah und Ham" von Tom Ellen und Lucy Ivison

Quelle: Carlsen Verlag
Contemporary Young Adult (CYA) – ein Begriff, der in der Buchblogszene wohl bekannt ist und der so manches Leserherz höher schlagen lässt. Viele Geschichten dieses Genres fallen außerdem unter die Kategorie Young Adult Romance (YAR), denn Drama um Romantik und (erste) Liebe darf beim Erwachsenwerden natürlich nicht fehlen. Zu einem guten CYA-Roman gehört eine Teenie-Geschichte, oftmals aus Sicht eines Ich-Erzählers und Protagonisten geschildert, mit realistischem und, wie der Name schon andeutet, zeitgenössischem Setting und bewegender, emotionaler, humoristischer Handlung und einer gehörigen Portion Romantik. CYA-Fiction ist zwar oft YAR – umgekehrt muss das aber nicht sein; romantische YA-Stories können auch dem Fantasy- oder SciFi-Genre entspringen, wie die Obsidian-, Twilight- oder Revenant-Reihen, die dann wiederum unter den Namen YA-Paranormal (YAP) fallen.

Natürlich sind auch wir von Kathrineverdeen diesem Genre verfallen und haben viele, viele YAP und CYA verschlungen. Zu den besten CYA-Romanen gehören Herzklopfen auf Französisch, Amy on the Summer Road, Weil ich Layken liebe und natürlich Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Nun ist ein neues, im Vorfeld hoch gepriesenes CYA-Werk zu uns gestoßen und kommt erfrischenderweise einmal nicht aus den USA, sondern aus Großbritannien: Sannah und Ham. Werfen wir einen Blick auf Figuren, Thema und Umsetzung:


Das Pärchen to be dieser Geschichte wird schon im Titel vorgestellt und besteht aus Hannah und Sam, die in üblicher Stolz und Vorurteil-Manier aufgrund zahlreicher (selbstverschuldeter) Missverständnisse und immer wieder gekränktem Stolz wechselhaft zusammenkommen und auseinandergehen.


Hannah entspricht grösstenteils der typischen CYA-Protagonistin: clever, hübsch (ohne es zu wissen, na klar), weitestgehend sympathisch und humorvoll. Sam dagegen ist nicht der übliche Charmeur, der die Leserherzen zum Schmelzen bringt. Auch er ist zwar intelligent, gutherzig und witzig. Ihm fehlt aber ein gewisser Charme, ein Hauch von Bad Boy, oder auch einfach Reife, sodass er zwar süß aber nicht unbedingt ernstzunehmend ist. Das Figuren-Fazit ist symptomatisch für die Geschichte: sie sind nett, wenn auch etwas farblos und infantil.

Leider gilt das umso mehr für die Nebenfiguren. Hannahs Freundinnen sind äußerst unsympathisch, oberflächlich und hinterhältig. Zwischen den Mädels herrscht eine Hassliebe, deren Liebesteil nicht mehr nachvollziehbar ist. Zu keiner Zeit kommt es zu einer Aussprache oder ein paar ehrlichen Worten; stattdessen fällt man sich gegenseitig in den Rücken, lügt das Blaue vom Himmel oder neidet sich gegenseitig das kleinste Glück. Insgesamt wird hier ein (weibliches) Freundschaftsbild entworfen, das mir nicht nur fremd ist, sondern auch in höchstem Maße widerstrebt. 

Ähnlich verhält es sich mit den männlichen Nebenfiguren: Sams Freunde wirken einfältig, albern und haben das ein oder andere Suchtproblem. Ernsthafte Probleme werden untereinander nicht besprochen, dafür umso ausgiebiger sämtliche Möglichkeiten eines sexuellen Erfolges. Auch hier: Nicht mein Männerbild. Sogar die stellenweise wirklich interessanten Figuren liefern immer wieder Momente, in denen man sich fragt, was die Autoren eigentlich damit bezwecken wollen. So zum Beispiel Sannahs Oma, ein schrullig-witziger Charakter, der leider seltsam oberflächliche Mottos postuliert, die ich persönlich niemandem mit auf den Weg geben möchte: „Meine Oma sagt immer, dass man nie einen Mann heiraten soll, der braune Anzüge trägt, einen Bart hat oder eine Brille braucht.“ Ähm. Weird?

Nun kann man annehmen, dass die Autoren sich sehr viel Mühe gegeben haben, ihre Geschichte besonders witzig, jugendlich und geistreich wirken zu lassen und dabei etwas übers Ziel hinausgeschossen sind. Das wäre auch nicht das Problem, wenn nicht das Thema des Romans ebenfalls viel zu oberflächlich und angestrengt behandelt werden würde: SEX. Natürlich interessiert Teenies Sex, das Erste Mal und alles, was damit zusammenhängt. Mit Sicherheit ist es auch in Cliquen ein Thema und beherrscht jederzeit das hormonell beeinträchtigte Hirn der Jugendlichen – wie eigentlich auch das aller anderen Menschen. Dass es allerdings ausschließlich, ja, geradezu beliebig thematisiert wird und keine anderen Themen unter Jugendlichen mehr zulässt, wage ich zu bezweifeln. Probleme wie Schulabschluss, Familienleben und Zukunftsängste hätten in dem ein oder anderen Gespräch unter Freunden bestimmt auch seinen Platz gehabt, ohne dass es der Geschichte geschadet hätte – im Gegenteil: Die Figuren und das allzu gehaltlose Geschwätz über das Erste Mal hätten etwas mehr Tiefgang durchaus gebrauchen können. Denn alles, was die Figuren interessiert, ist, so schnell wie möglich die Jungfräulichkeit abzulegen – um jeden Preis. Dafür ist man dann auch nicht wählerisch, lügt und betrügt auch mal, wenn es sein muss und gibt seine Würde an der Garderobe ab. Leider wird unendlich viel über Sex geredet – prickelnde Liebesszenen sucht man dafür vergeblich. Selbst die sexuellen Annäherungen der ehrlich Verliebten bleiben am Ende eine Pflichtübung. Again: Weird.

Ansonsten ist die Umsetzung erfreulich gut gelungen. Die Idee, die Geschichte abwechselnd aus Sicht der beiden Hauptfiguren zu schildern, ist – wenn auch nicht innovativ – wirklich nett. Der rasante Sprachstil und viele witzig-spritzige Dialoge führen gekonnt durch manche Länge und lassen den Leser immer wieder schmunzeln. Die komödienhaften Einschläge, wie beispielsweise die sympathisch-skurrile Klo-Szene von Hannah und Sam, halten den Leser immer wieder davon ab, endgültig zu frustrieren, sodass das Lesen selbst einen etwas tragikomischen Charakter bekommt.

Fazit: Vor allem im Vergleich mit anderen CYA-Geschichten, kann das Debut von Tom Ellen und Lucy Ivison, das durchaus unterhaltsam ist, nicht ganz mithalten. Die Probleme der Protagonisten sind teilweise nicht nachvollziehbar und wirken krass konstruiert. Ein paar Missverständnisse weniger und etwas mehr Einfühlungsvermögen, Offenheit und Tiefgang wären wünschenswert gewesen. Sam kann definitiv nicht mit einem St.Clair, Gus Waters oder Roger mithalten und Hannah könnte etwas mehr Conojes vertragen – naja, Sam eigentlich auch. So bleibt Sannah und Ham eine nette, sommerliche Liebeslektüre mit witzigen Dialogen und authentischem Setting. 


Not epic like Amy and Anna, but nice like Ham and Sannah. :)


Sannah & Ham von Tom Ellen und Lucy Ivison 
Taschenbuch: 400 Seiten 
Verlag: Chicken House 
Erscheinungsdatum: 22. August 2014
ISBN: 978-3551520661

1 Kommentar:

Katrin Kutsche hat gesagt…

Nach dem Lesen habe ich mich regelrecht geärgert. Schlecht geschrieben ist es nicht, hin und wieder auch lustig. Aber die Oberflächlichkeit der Hauptfiguren war irgendwann nicht mehr zu ertragen. Neben dem Thema "Erstes Mal" gab es einfach NICHTS anderes. Schade drum. Empfehlen würde ich das Buch niemandem, weil man es einfach nicht gelesen haben muss. Dann doch lieber "Hope Forever" von Colleen Hoover oder "Im freien Fall ODER wie ich mich in eine Pappfigur verliebte" von Jessica Park. Zwar wird auch dort Realismus nicht immer groß geschrieben, aber wenigstens sind die Figuren glaubwürdig. Naja. Und die Spannungskurven sind besser. ;)

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