Montag, 5. Mai 2014

"Mehr als das" von Patrick Ness

Bildquelle: cbt
Schon mit den ersten Sätzen machte Patrick Ness deutlich, dass sein neues Buch mit dem imposanten Titel „Mehr als das“ kein locker leichtes Leservergnügen bietet. Gerade mit den ersten Seiten entscheidet der Leser, ob er sich auf diese dramatische Thematik einlassen kann oder nicht, denn im Prolog dieser Geschichte wird man mit einem erschreckenden Szenario konfrontiert. Wir Leser werden zu stummen Zeugen und müssen einem Jungen bei seinem aussichtslosen und verzweifelten Todeskampf zusehen und erleben mit ihm die letzten Minuten seines Lebens, ohne ihn zu kennen. Man liest die letzten Gedanken, erlebt den letzten Schmerz, der durch seinen Körper fährt, bevor er stirbt. Eigentlich wäre das doch ein passendes Ende für eine Geschichte, also wieso lässt Patrick Ness seine literarische Hauptfigur Seth gleich zu Beginn sterben? 

 „Ist das die Hölle? Für immer und ewig allein in deiner schlimmsten Erinnerung gefangen zu sein? Irgendwie ergäbe das Sinn." Seite 47

Das sind Seths erste Gedanken, nachdem er an einem seltsamen und verlassenen Ort nackt und verletzt, aber völlig lebendig, erwacht. Mit dem Ort sind vielen furchtbaren Erinnerungen aus seiner Kindheit verbunden. Während Seth zu verstehen versucht, was mit ihm und um ihn herum geschieht, erwacht eine leise Hoffnung in ihm. Vielleicht ist das nicht das Ende und das Leben bietet noch mehr als das

Nachdem mir, der sehr dramatische Prolog die Luft zum Atmen nahm, musste ich lange warten, bis dieses atemlose Gefühl vergangen war. Denn während Seth versucht, sich an diesem verlassenen und einsamen Ort zu arrangieren, prasseln immer wieder längst verdrängte Erinnerungen auf ihn ein. So bekommt man einen guten Eindruck von seinem vergangenen Leben und erfährt viele Schwierigkeiten, mit denen Seth zu kämpfen hatte. Von komplizierten und nicht geduldeten Beziehungen und einer großen Schuld, an der er schwer zu tragen hat. Bevor man als Leser jedoch alle Erinnerungsbruchstücke zusammensetzen kann, verfliegen etliche Kapitel, in denen man oft ins Grübeln gerät. 

In vier Teilen mit kurz gehaltenen Kapiteln begleiten wir Leser Seth durch sein neues Leben, das nicht nur uns viele Rätsel aufgibt. Ness gibt nur sehr spärlich Informationen an Seth und die Leser weiter. Diese Tatsache ist vor allem für seine literarische Hauptfigur sehr zermürbend. Nach jedem beendeten Teil kommt man der Wirklichkeit etwas näher…denkt man. Ich hatte viele Vorahnungen, allerdings verwirrten mich viele gut herausgearbeitete Details des Autors aufs Neue und warfen meine konstruierten Denkansätze restlos über den Haufen. Zum Ende ließ mich Ness jedoch etwas ratlos zurück, denn ich hatte so viele offene Fragen, die der Autor nicht beantwortet hat. So blieb mir nichts anderes übrig, als mir ein eigenes Ende zusammen zu spinnen.

Ness bearbeitet viele wichtige Themen in diesem Buch - ohne mahnend den Zeigefinger zu erheben und philosophische Weisheiten mitzuteilen -, die mich wirklich beschäftig haben. Durch seinen wortgewaltigen Stil erschafft er eine besondere Stimmung. Eine bedrückende und schwermütige Atmosphäre, die unter die Haut geht. 

Mehr als das“ war für mich ein etwas anderes Leseerlebnis, denn ich war völlig fasziniert von Nessˈ Fähigkeit, mir eine literarische Figur so nahe zu bringen, dass ich dessen Emotionen am eigenen Leib spüren konnte. Für mich persönlich wurde diese Geschichte allerdings auch sehr schwermütig, denn Seth führte ein sehr bewegtes Leben. 




Mehr als das von Patrick Ness 
Gebundene Ausgabe: 512 Seiten 
Verlag: cbt 
Erscheinungsdatum: 24. März 2014 
ISBN: 978-3570162736

Kommentare:

Kitty hat gesagt…

Das Buch steht schon auf meiner WuLi, aber du hast mich jetzt noch neugieriger darauf gemacht, dass es gleich mal ein paar Zeilen nach oben gerutscht ist. :) Vielen Dank für die tolle Rezension. :)
GLG
Kitty ♥

Kathrineverdeen hat gesagt…

Danke Kitty :-)
ich hoffe du kommst bald dazu es von deine WuLi zu erlösen.
LG

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