Freitag, 18. April 2014

[Rezension] "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser

Jahrgang 1902 von Ernst Gläser
Bildquelle: Wallstein Verlag
Der Name von Ernst Glaeser ist mit Heidelberg und der südwestlichen Region eng verbunden. Geboren wird der Schriftsteller 1902 im oberhessischen Butzbach. Prägende Jugendjahre erlebt er in Groß-Gerau und Darmstadt, bevor er 1921 in Freiburg zu studieren beginnt. Von 1939 bis in die ersten Nachkriegsjahre lebt Glaeser in Heidelberg. Als Anfang September 1945 diese Zeitung gegründet werden kann, wird er Leiter des Feuilletons, freilich nur bis Jahresende. Später lebt er in Bensheim, Wiesbaden und Mainz, wo Glaeser 1963 verstirbt. Die Erinnerung tut sich schwer mit ihm. Glanzvolles und Fragwürdiges mischen sich in seinem Leben auf eine irritierende und kaum erklärbare Weise.

Dank seines ersten, 1928 erschienenen Romans „Jahrgang 1902“ wird Glaeser im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren schlagartig ein berühmter, gut verdienender und politisch umworbener Autor. Innerhalb eines Jahres werden 200.000 Exemplare abgesetzt. Mit diesem autobiographisch grundierten Buch schafft Glaeser das Porträt jener Generation von jungen Männern, die – um 1902 geboren – zu jung waren, um noch für Kaiser und Reich in den Krieg ziehen zu müssen, aber alt genug, um die sozialen und moralischen Verwerfungen, die der Krieg in der Heimat auslöste, sehr bewusst zu erleben.


„Jahrgang 1902“ ist das Porträt einer Generation, die durch den Krieg während ihrer Pubertätsjahre um alle festen Orientierungsmuster gebracht und vorzeitig freigesetzt wird. Am Anfang hat der Krieg für sie noch einen „festlichen Charakter“, und die halbwüchsigen Jungen sind ihren Vätern, die mit ungewissem Schicksal in den Krieg ziehen, „in einer neuen, erhabenen Liebe“ zugetan. Das ändert sich aber spätestens im dritten Kriegsjahr. Hunger und Haushaltssorgen zersetzen alle Feierlichkeit, alle politischen Fiktionen, alle sozialen Distinktionen und moralische Normen. Bald braucht man, um an Nahrungsmittel, Bekleidung und Heizmaterial zu kommen, allerlei unbürgerliche Fähigkeiten. Wenn man vom „Feind“ spricht, meint man die Gendarmerie. Das Bild der Helden-Väter verblasst oder nimmt, wenn sie im Heimaturlaub auftauchen und erzieherisch wirken wollen, einen feindlichen Charakter an.

Die „Herrschaft der Frauen“ beginnt, doch treten sie den sechzehn- oder siebzehnjährigen Burschen nicht nur als Mütter und Erzieherinnen entgegen, sondern als hilfsbedürftige Vorsteherinnen von Haushalten und Geschäften – und als Verführerinnen. Nicht der Erzähler selbst, aber sein Freund August dient beim Ernteeinsatz in den Sommerferien einer noch jungen Bäuerin als „Ersatz“ für „ihren Schorsch“, der an der Front ist. Das unverhüllte Werben der erwachsenen Frau um den Jungen treibt den Erzähler und die sechzehnjährige Tochter der Bäuerin vom Esstisch auf den Hof: „Sie übergab sich über dem Mist ...“.

Was dem Roman seine Wirkung verleiht, sind nicht allein die lange verheimlichten Erfahrungen der um 1902 geborenen Kohorten, sondern auch die Unmittelbarkeit der Darstellung. Erzählt wird in Ich-Form aus der Sicht eines Jungen, der am Anfang zwölf, am Ende sechzehn Jahre alt ist und der dem, was er erlebt, ganz distanzlos gegenübersteht. Auf diese Weise kommen peinigende Erfahrungen der Adoleszenz, die durch den Kriegszustand noch verschärft werden, scheinbar unvermittelt zum Ausdruck und üben eine beklemmende Wirkung aus.

Namhafte Autoren wie Thomas Mann, Arnold Zweig, Carl von Ossietzky und Ernest Hemingway sind beeindruckt und rühmen „Jahrgang 1902“ öffentlich. Größte Bedeutung aber erlangt der Roman für Glaesers Generationsgenossen. Der Kritiker Hans A. Joachim, selber Jahrgang 1902, schreibt 1930 in der Literaturzeitschrift „Die neue Rundschau“: „Glaeser nahm uns das Wort vom Munde. Er rief den Jahrgang ins Bewusstsein. Viel war für sein Buch zu sagen, und noch mehr dagegen. Aber wichtiger war, dass es da war. Es brach das Schweigen. Es hatte die Art entdeckt, uns wichtig zu nehmen. Denn es sprach von uns, indem es vom Krieg sprach. Wir waren nicht der Rede wert gewesen. Der Krieg war es. Seitdem sprach man von uns.“

„Jahrgang 1902“ ist jetzt im Göttinger Wallstein-Verlag mit einem instruktiven Nachwort des Wuppertaler Germanisten Christian Klein neu erschienen. Auf gut siebzig Seiten gibt Klein nicht nur eine Vielzahl von analytisch-interpretatorischen Hinweisen; er dokumentiert auch die Rezeption von „Jahrgang 1902“ und verfolgt Glaesers weiteres Leben.

Mit einem zweiten eindrucksvollen Roman, dem 1930 publizierten „Frieden“ setzte Glaeser seine kritische Aufarbeitung der Kriegs- und Revolutionserfahrung seiner Generation fort und nähert sich zugleich sozialistischen und pazifistischen Positionen an. Von links bekommt er Beifall, von rechts Tadel. Bei der nationalsozialistischen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 fliegen seine beiden Romane auf die Scheiterhaufen. Am 1. Dezember 1933 emigriert Glaeser mit seiner Frau und seinem vierjährigen Sohn nach Prag. Von dort zieht er im April 1934 in die Schweiz, wo er wegen seiner Mitarbeit an renommierten schweizerischen Blättern eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung erhält.

Mit dem 1935 publizierten Roman „Der letzte Zivilist“, der die nationalsozialistische „Machtübernahme“ in einer württembergischen Kleinstadt schildert, gelingt ihm ein weiterer internationaler Erfolg. Glaeser hätte in der Emigration eine führende Rolle spielen können. Er aber will nach Deutschland zurück, dient sich dem deutschen Generalkonsulat in Zürich als Informant an, lässt sich für die Propaganda einspannen. Am 1. April 1939 kehrt Glaeser nach Deutschland zurück, wird aber von den nationalsozialistischen Literaturbehörden mit großem Misstrauen behandelt. Glaubhaft kann er sich deshalb nach dem „Zusammenbruch“ des „Dritten Reichs“ als Regimegegner gerieren und erhält von der amerikanischen „Information Control Division“ alsbald die Erlaubnis für publizistische Tätigkeiten. Dies ist die Voraussetzung für seine kurzfristige Mitwirkung an der „Rhein-Neckar-Zeitung“.

Die Jahre danach zeigen Glaeser als einen Wendehals, der das „Vergangene“ zwar nicht vergessen, aber auch nicht „bereden“ will, dafür aber gerne über demokratische Tugenden wie Skepsis und Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam schwadroniert. Heute wirken die Wendungen, die Glaeser seit 1928 vollzeiht, peinlich und lassen nach der charakterlichen Substanz dieses durchaus beachtenswerten Autors fragen. Er wirkt wie ein Mann ohne Kompass. Bedenken sollte man, wer er primär war: eine Verkörperung des vorzeitig aus der Bahn geworfenen Jahrgangs 1902.




Jahrgang 1902 von Ernst Glaeser
Hardcover: 390 Seiten
Verlag: Wallstein
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2013
ISBN: 978-3-8353-1336-1

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