Mittwoch, 26. März 2014

"Der Hof" von Simon Beckett

Bildquelle: Rowohlt
Simon Beckett. Ein Name wie ein Programm. Spannungsgeladen ging es in der David-Hunter-Reihe zu, die den britischen Autor bekannt machte. Schaurig schön. Und zweifellos interessant. „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“, „Leichenblässe“ und „Verwesung“ führten ein in die Wissenschaft der forensischen Anthropologie. Hunters Arbeit begann dort, wo die Maden ihr Werk bereits vollendet hatten. Ihm oblag es, anhand verfaulter, verbrannter, zersetzter Überreste Identität und Todesart von Opfern festzustellen und so maßgeblich zur Aufklärung vermeintlich perfekter Verbrechen beizutragen. Der Leser, dessen Eingeweide sich bei der Lektüre dieser Thriller nicht selbstständig machten, folgte dem gruseligen Geschehen nahezu atemlos. Leider wiederholte sich Hunters spezielles Können spätestens in dem Band „Verwesung“, und voyeuristische Darstellungen blutrünstiger Episoden versuchten die Schwächen zu überdecken. Das mörderisch entfesselte Schlusstableau deutete an: Simon Beckett, ohne Frage ein Meister seines Genres, hatte seine Thematik ausgereizt. Eine Pause tat Not.
Und die hat er genutzt. Das belegt sein neuer Kriminalroman „Der Hof“. Der Inhalt ist eigentlich banal: Ein Ich-Erzähler, der andeutet, einiges auf dem Kerbholz zu haben, bittet auf einem verfallenen Hof mitten in der französischen Provinz um ein Glas Wasser. Zurück auf der Landstraße, hechtet er beim Anblick eines herannahenden Polizeiautos in ein Waldstück – und landet in einer Wildfalle, die ihm den Fuß zerfetzt. Aus der Ohnmacht erwacht, findet er sich auf einem Scheunenboden wieder – auf eben jenem Hof. Personal und Topoi sind sparsam eingesetzt: Die schöne traurige Mathilde. Ihr aufreizendes unberechenbares Schwesterlein. Der kleine Sohn Michel. Der tyrannische Altbauer Arnaud. Eine gewaltbereite Dorfjugend. Ein verschwundener Liebhaber. Geheimnisvolle Statuen. Ein tiefgründiger See. Rauschende Kastanienwälder. Alles fressende Schweine.
Spartanisch und kühl gibt Sean, der Erzähler, seine Erinnerungen wieder. Dennoch teilen sich seine Erlebnisse auf dem geheimnisvollen Hof wie Fieberphantasien mit, unerklärlich, entrückt und unheilschwanger. Durchbrochen wird das Erzählen dieser undurchdringlich scheinenden Gegenwart durch Rückblicke in die Vergangenheit. Fragmente einer unglücklichen und tragischen Liebesgeschichte scheinen auf, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen, aber lange Zeit kein klar konturiertes Bild ergeben. Diese Erzählweise hat Beckett von französischen Filmemachern entliehen, für die sich auch Sean begeistert. Vor allem Jean Beckers L’étémeurtrier (Ein mörderischer Sommer) stand Pate. Mörderisch ist auch die drückend-schwüle Jahreszeit in „Der Hof“. Beklemmend die Lichtverhältnisse. Bedrohlich die Geräusche. Hier herrscht ein subtiles, undefinierbares Grauen. Erst nach und nach wird auch in Seans Gegenwart hinter ländlicher Idylle eine kaum fassbare Realität erkennbar.

Simon Becketts Ausflug in die Erzählweise des Films ist ein gelungenes Experiment, das noch ausgearbeitet werden kann. Auch das braucht seine Zeit. Gut möglich, dass Beckett zwischenzeitlich wieder David Hunter ermitteln lässt. In einem Interview gestand er kürzlich: „David Hunter reist ja so ziemlich überall hin, vor allem in entlegene Gegenden, wo irgendwelche Leichen vergraben liegen. Ich begegne Hunter eigentlich jeden Tag, auch wenn er dann nicht immer etwas zu erzählen hat. Aber wenn ich spazieren gehe, vor allem wenn ich in öde, atmosphärische Landschaften eintauche, dann ist es fast sicher, dass wir uns über den Weg laufen.“


Der Hof von Simon Beckett
Hardcover: 464 Seiten
Verlag: Rowohlt/Wunderlich
Erscheinungsdatum: 01.02.2014

ISBN: 978-3-8052-5068-9

Kommentare:

Ti hat gesagt…

Das wollte ich mir bald auch kaufen, habe bis jetzt nur Gutes gehört.

Krinkelkroken hat gesagt…

Ich habe es mir auch gleich zugelegt - bei Simon Beckett kann man einfach nicht auf die Taschenbuchausgabe warten. ;)
Mir sind allerdings sehr gespaltene Meinungen untergekommen - viele Leser wünschen sich anscheinend weniger Abwechslung und mehr voyeuristischen Splatter. Umso mehr freue ich mich über diese positive Einschätzung - ich bin gespannt!
Dir viele spannende Lesestunden!

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