Sonntag, 26. Januar 2014

[Rezension] „Wie ein leeres Blatt“ von Pénélope Bagieu


 „Wie ein leeres Blatt“ von Pénélope Bagieu
Quelle: Carlsen Verlag
Trüb – trüber – Januar. Überall herrscht Neujahrsstimmung, die Menschen sind überfressen von den Feiertagen und sehnen sich nach Bewegung und Abenteuer. Weil sich das schlecht mit dem Arbeitsalltagsleben verbinden lässt, habe ich mich zu einem fiktionalen Kurztrip nach Paris entschlossen – weil es mir dort das letzte Mal so gut gefallen hat. Reiseleiterin ist abermals die umwerfende Zeichnerin Pénélope Bagieu, dieses Mal in Begleitung von Autor Gilles Roussel a.k.a. Boulet, und zwar mit ihrem Erstlingswerk Wie ein leeres Blatt

Eloise kommt zu Beginn der Geschichte auf einer Parkbank in Paris zu sich. Sie erinnert sich weder an ihren Namen noch an ihre Adresse, geschweige denn an ihren derzeitigen Aufenthaltsort – alle Informationen, die mit ihr und ihrer Identität zusammenhängen, sind ausgelöscht. Sie beginnt zu ermitteln und hangelt sich über kleine Hinweise, wie den Inhalt ihrer Handtasche, zu ersten Schlussfolgerungen. Dabei überlegt sie immer wieder, was ihr widerfahren sein könnte und welche abenteuerliche Existenz sie entdecken wird, wenn sie erst einmal ihr Gedächtnis zurück erlangt hat.
Am Ende ihrer packenden Suche nach sich selbst, nach zahlreichen Enttäuschungen, Überraschungen und zwischenmenschlichen Absonderlichkeiten, hat Eloise etwas sehr viel Wichtigeres und Aufregenderes gewonnen als alles, was sie sich in ihnen kühnsten Tagträumen ersonnen hat: eine eigene Persönlichkeit.

Die Graphic Novel überzeugt wieder einmal auf ganzer Linie. Vor allem transportiert die pointierte Botschaft am Ende einen rührenden und tiefsinnigen Kerngedanken, der die melancholisch-heitere Geschichte wirkungsvoll abrundet. Der (viel zu rasch nahende) Schluss ist es auch, der den Leser noch lange begleiten wird. Was mit Leichtigkeit und Spannung daher kommt, offenbart sich als existentielle Suche nach dem eigenen Ich. Und die beschäftigt schließlich uns alle. Oder? Wenn man sich bisher noch nicht gefragt, wie die eigene Existenz eigentlich von außen wirkt und ob man selbst diese Person, die man zu sein scheint, überhaupt mag und sein möchte – dann wird man es spätestens nach dieser Lektüre tun.

Abgestimmt und angenehm unkonventionell sind auch Lettering, Zeichenstil und Seitenarchitektur. Die Zeichnungen, die auf den ersten Blick verspielt und mädchenhaft-simpel wirken, entpuppen sich oftmals als detaillierte, vielschichtige Spiegelungen der Handlungsebene. Graphisch tadellos, gibt es nichts am Gewand dieses Comics auszusetzen. Auch das vieldiskutierte Flexocover liegt griffig in der Hand, vor allem weil der Tagebuch-ähnliche Gummizug Stabilität verleiht und praktischerweise das Lesezeichen ersetzt. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, kommt hier zur französischen Leseprobe: KLICK.

Auch die Übersetzung sollte lobend erwähnt werden, denn einer der besten Übersetzer von französischen Comics, Uli Pröfrock, hat seine Sache wieder einmal gut gemacht und zeichnet sich für einen unverkrampft-leichten Ton verantwortlich.

Zur Zeichnerin: Die 1982 geborene Pariserin Pénélope Bagieu, Tochter korsischer und baskischer Eltern, ist Illustratorin und Cartoonistin. Ihr Comic-Blog Ma vie est tout à fait fascinante, auf dem sie auf humorvolle Weise aus ihrem Alltagsleben berichtet, erlangte über die Szene hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad. Ab September 2014 soll er bei Carlsen auf Deutsch publiziert werden. Eine dreibändige Comic-Reihe, „Joséphine“, wird gerade verfilmt.


Wie ein leeres Blatt von Bagieu/Boulant
Flexocover mit Spot und Gummiband: 208 Seiten
Verlag: Carlsen
Erscheinungsdatum: März 2013
ISBN: 978-3-551-75109-6

Kommentare:

Chimiko hat gesagt…

Das klingt einfach nur gut (zauberhaft irgendwie) und... hach, klingt gut! Zu mehr Worten bin ich nicht fähig im Moment ;)

Danke für die Rezi,

alles Liebe, Chimiko

Sarah hat gesagt…

Tolle rezension! Hört sich wirklich unglaublich toll an :)

Schönen Sonntag wünsche ich dir noch

Alles Liebe Sarah


http://buecherwuermchen.blogspot.de/

Krinkelkroken hat gesagt…

Danke, Chimiko, da sagst du was - zauberhaft ist wahrlich das richtige Wort! :) LG

Krinkelkroken hat gesagt…

Vielen Dank, Bagieu macht es einem aber auch leicht, schöne Wort zu finden.Von ganzem Herzen empfehlenswert. LG

Kathrineverdeen hat gesagt…

Ich darf deine rezis einfach nicht mehr lesen :-) Ich will es sofort haben, denn es hört sich richtig gut an. Obwohl ich bei der Inhaltsangabe sofort an " Lauf Jane lauf" denken musste. Kennst du es? Es beginnt ähnlich.
LG

Krinkelkroken hat gesagt…

Du bist so ein Schatz! Wenn du willst, leihe ich es dir gerne. "Lauf, Jane, lauf" kenne ich nicht - ich habe noch gar nichts von Fielding gelesen - eine Schande. Lohnt sich das Buch? Dann werde ich es mal bald nachholen. LG

Kathrineverdeen hat gesagt…

Ich habe es vor vielen Jahren gelesen und fand es richtig gut, obwohl ich kein Thriller Fan bin :-)
LG

Raine hat gesagt…

Deine Rezension hat mich überzeugt. Ist direkt auf dem Wunschzettel gelandet. :-)

Krinkelkroken hat gesagt…

Das ist schön - da wurde dieses Buch vollkommen zu recht platziert. Ich drücke die Daumen, dass es bald vom Wunschzettel erlöst wird! LG

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