Dienstag, 3. Dezember 2013

[Rezension] „Eine erlesene Leiche“ von Pénélope Bagieu

 „Eine erlesene Leiche“ von Pénélope Bagieu
Bildquelle: Carlsen Verlag
Der 22jährigen Französin Zoé wird eines Tages zwischen der Ignoranz ihres Proleten-Freundes und dem Posieren als Schweizer Käse klar: ein neuer Lebensinhalt muss her. Durch Zufall trifft die Messehostess auf den – zugegebenermaßen etwas spleenigen – Schriftsteller Thomas Rocher, der in ihr seine neue Muse gefunden zu haben scheint. Dessen distinguierte Art schmeichelt ihr zunächst und die neue Beziehung scheint fruchtbar für alle Seiten zu sein – auch wenn Thomas' enge Beziehung zu Lektorin und Ex-Frau Agathe sie misstrauisch macht. Und warum geht Thomas nie aus dem Haus? Hat sein zunehmend selbstsüchtiges Verhalten etwas mit seinem neuen Buch zu tun? Es wird Zeit für Zoé sich endgültig zu emanzipieren. Als sie zeigt, was in ihr steckt, hat das ungeahnte Konsequenzen für alle Beteiligten...und da wäre ja auch noch die Leiche. Oder nicht?

Es gibt Comics und Graphic Novels, die künstlerisch so hochwertig sind, dass sie ohne intensive Auseinandersetzung und viel intellektuelle Anstrengung nur schwer zu bewältigen sind. Diese Werke verdienen zum Teil fraglos die Vorsilbe „Kunst“ und sind oft eine willkommene Abwechslung vom Mainstream. Pénélope Bagieus „erlesene Leiche” gehört zu jenen Graphic Novels, die unbedingt gelesen werden sollten, weil sie zeichnerisch eben so erfrischend weit weg vom Mainstream sind, dabei aber eine dynamische Geschichte auf amüsante Weise erzählen, sodass die Lektüre heiter und leichtfüßig wirkt ohne dass ihr eine Wissenschaft vorausgehen muss. Dieser gelungene Balanceakt zwischen Anspruch und Unterhaltung wirkt umso vollendeter, als dass die zunächst oberflächlich wirkende Handlung sich als tiefgründige Kritik am Großstadtleben und der Willensfreiheit moderner Menschen erweist.

Die zunächst eindeutig überlegende Existenz eines Schriftstellers gegenüber dem proletarischen Arbeiter stellt sich im Alltagsleben als nicht sehr viel erstrebenswerter heraus; die Klischees wirken auf Dauer ebenso abgedroschen, wenn das Künstlerische der eigenen Einschränkung weichen muss. Auch Sexualität und Erotik benötigen weniger einen Milieuwechsel als eine Persönlichkeitsveränderung, wenn eine grundlegende Veränderung erzielt werden soll. Tatsächlich räumt Zeichnerin und Szenaristin Pénélope Bagieu mit so manchem Klischee auf schelmische und pointierte Weise auf, sodass der Leser am Ende geneigt ist, einen verstohlenen Seitenblick auf sein eigenes Leben zu werfen.

Die Quintessenz der Geschichte – sein Schicksal in die Hand zu nehmen – ist tatsächlich schwerer umzusetzen als es sich im ersten Moment anhört. Ja, was ist es denn, was man wirklich will? Die Gesellschaft, auf Funktion und Profit gepolt, erschwert oft den Umstieg in ein neues Selbst. Die Gesellschaft – das sind hier Zoés Messe-Kolleginnen, die im Gegensatz zur Protagonistin nur nebenberuflich in das Hostess-Kostüm schlüpfen; die Leserschaft Thomas', die künstlerisches Talent und Hype vermeintlich nicht auseinander halten kann; die Katze, deren Gesicht die gesellschaftliche Norm widerspiegelt, indem sie die bequemste Variante bevorzugt, sei sie nun moralisch verwerflich oder nicht. Oder doch nicht? Am Ende hatte die Katze recht – oder?

Bagieu wirft scharfe Fragen auf und lässt am Ende den Leser seine Lösung selbst suchen. Ihre Konklusion ist nichts weniger als überraschend. Vielleicht wirkt die Geschichte deshalb so rund, weil sowohl scharfer Text als auch cartoonartige Bilder aus der Feder der Autorin stammen. Apropos Text: Sprechblasen werden dezent verteilt; es gibt Doppelseiten, auf denen man keine einzige findet. Kurzweilig wirkt die Geschichte deswegen keinesfalls – man tut gut daran, die Bilder auf sich wirken zu lassen. Vor allem Zoés alltäglicher Gang zur Arbeit (die Fahrt in der U-Bahn!) oder die Mimik der Katze verdienen einen zweiten und dritten Blick.

Das ursprünglich von Carlsen ins Leben gerufene Label „For Ladies only“, das noch die Vorgänger-Novel der Autorin, Wie ein leeres Blatt, geziert hat, ist mittlerweile verschwunden. Das ist auch gut so, denn trotz der femininen Aufmachung und der Sex-and-the-City-esken Grundstimmung hat zumindest diese Graphic Novel mehr Tiefgang, als so ein Label vermuten lassen würde. Obendrein werden auch maskulinere Leser und Leserinnen ihren Spaß an Bagieus einzigartigem Stil haben. Das weiß ich, weil ich mich als Frau, die von selbst nicht auf die Idee gekommen wäre, sich mit dem Label „Lady“ zu assoziieren, sehr amüsiert habe. Aber auch abgesehen von den fehlenden Labels ist die Gestaltung des Comicromans gewohnt gelungen. Die mittlerweile 60 Jahre Erfahrung im Comic-Vertrieb garantieren Carlsen-Comic-Lesern in Optik und Haptik eine gewisse Qualität. Die Bezeichnung „Hardcover“ ist allerdings etwas irreführend, da es sich um einen biegsamen Einband handelt, ähnlich der Klappenbroschur, ein sogenanntes Flexocover. So werden die Seiten geschützt, ohne sperrig zu wirken oder unnötiges Gewicht zu erzeugen.

Meine Empfehlung: Diese Graphic Novel sollte an einem Samstagvormittag bei Croissant und Café au lait in der französischsten Kneipe eurer Stadt genossen werden. Mit allen anderen Klischees wird Pénélope Bagieu dann für euch aufräumen. Bon courage!

Über die Autorin: Die 1982 geborene Pariserin Pénélope Bagieu, Tochter korsischer und baskischer Eltern, ist Illustratorin und Cartoonistin. Ihr Comic-Blog "Ma vie est tout à fait fascinante", auf dem sie auf humorvolle Weise aus ihrem Alltagsleben berichtet, erlangte über die Szene hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad. September 2014 soll er bei Carlsen auf Deutsch publiziert werden. Eine dreibändige Comic-Reihe, „Joséphine“, wird gerade verfilmt.




„Eine erlesene Leiche“ von nélope Bagieu
Hardcover: 128 Seiten
Verlag: Carlsen
Erscheinungsdatum: 29. Oktober 2013
ISBN: 9783551736468

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen