Sonntag, 6. Oktober 2013

[Rezension] "Mayas Tagebuch" von Isabel Allende

"Mayas Tagebuch" von Isabel Allende, Roman
Bildquelle: Suhrkamp Verlag
Maya ist 19 Jahre alt und in der mehr oder weniger selbstgewählten Verbannung auf einer kleinen Insel an der Südküste Chiles. Chiloé wird ihr Zuflucht und Heimat. Verstecken muss sie sich mit ihren 19 Jahren vor ihrem früheren Leben im Drogenmilieu und den dazugehörigen Menschen.

In dieses Leben der Drogen rutscht sie durch ein traumatisches Erlebnis, das sie mitten in einer der problematischsten menschlichen Phasen, der Pubertät, trifft. Unsicher bezüglich ihrer eigenen Persönlichkeit, wie so viele Jugendliche im Alter von 16 Jahren, kann sie das Trauma nicht einfach abschütteln und geht in den inneren und äußeren Widerstand. Auch gegenüber den Menschen, die sie lieben und für sie da sein wollen.

Chiloé ist eine kleine Insel, auf der nach dem Putsch 1973, nach Haft und Misshandlung, einige Chilenen ins Exil geschickt wurden. Eine Insel, auf der Gemeinschaft wichtig ist und etwas zählt. Wo jeder willkommen ist, der sich einbringt. Wo man einen Gefallen nicht direkt, sondern auch im Ringtausch erwidern kann. Ruhe, Stille, Natur und der eigentliche Sinn des Lebens – das bloße Sein – helfen Maya, ihre Vergangenheit, die sie einzuholen droht, abzuschließen und sich selbst eine Zukunft erschaffen zu können. Aber auch Manuel, der einsiedlerisch lebende Soziologe, bei dem Maya Unterschlupf findet, wird ein Teil ihrer Zukunft, nicht zuletzt weil sie einiges über seine Vergangenheit in Erfahrung bringt …

Gewohnt einfühlsam und kenntnisreich verschafft Isabel Allende dem Leser den Zugang zu Lebenswelten, die man persönlich nie wirklich durchleben möchte. Die zwei Leben der Maya Vidal: vor und nach den Drogen. Interessanterweise werden nicht die sog. weichen und harten, aber jeweils illegalen Drogen als schwer entrinnbar bezeichnet, sondern die legalste und angesehenste Droge wohl aller Gesellschaften: der Alkohol. Überall verfügbar, in seiner Wirkung komplett unterschätzt, benötigt man ein gerüttelt Maß an Stärke, um dem Dämon nicht wieder zu verfallen.

Allende gelingt es meisterhaft, die kurze Spirale des Abstiegs eines von Drogen bestimmten Lebens aufzuzeigen. Die Schamlosigkeit, wenn es um die Beschaffung des nächsten Schusses geht, die vor keinem noch so erbärmlichen Diebstahl halt macht. Das nur Sekunden anhaltende Hochgefühl, bevor die Wirkung der Droge wieder verpufft. Da fragt man sich, woher weiß eine Autorin wie Isabel Allende das so genau –  nicht direkt aus eigener, dennoch aus familiärer Anschauung. Weiß der Leser das, so nimmt er Maya alles ab, was sie über ihr Verhalten, ihr Leben im Rausch preisgibt.

Mayas Tagebuch lässt den Leser, so er es zulässt, eintauchen. In eine Geschichte, in verschiedene Leben, in eine andere Kultur. Das Eintauchen geschieht genauso allmählich, wie das Leben auf Chiloé gemächlich ist. Und das tut gut in Zeiten der allgemeinen Schnelllebigkeit, in der sogar das Bücher lesen zum Konsum ausarten kann. 

Tröstlich, humor- und liebevoll zeigt Allende auch hier wieder eines:
Man kann Dinge nicht ungeschehen machen, aber es ist möglich, sich neu zu (er)finden und alte Dämonen abzuschütteln.

Auch trotz einer Tatsache:

„ ... Glück hat etwas Seifiges., es glitscht einem durch die Finger, an Problemen dagegen kann man sich festklammern, sie sind rau und hart und geben Halt. … „ (Seite 150)

oder vielleicht gerade deswegen.



Mayas Tagebuch von Isabel Allende
Taschenbuch: 444 Seiten 
Erscheinungsdatum: 18. August 2013
ISBN: 978-3518464441

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