Mittwoch, 9. Oktober 2013

[Rezension] "Das Dorf in der Marsch. Hinterm Deich Krimi" von Hannes Nygaard

"Das Dorf in der Marsch. Hinterm Deich Krimi" von Hannes Nygaard, Krimi
Bildquelle: Emons
Hannes Nygaards Krimi spielt, so der Untertitel, hinterm Deich. Mit diesem Kriminalroman liegt ein weiterer Band der Erfolgsserie vor, in der Hauptkommissar Christoph Johannes und Oberkommissar Große Jäger in der nordfriesischen Kreisstadt Husum dem Verbrechen auf der Spur sind. 
Der Fall hat einen ekelerregenden Auftakt: Bauer Reimer Reimers, auf biologischen Anbau und nachhaltiger Energiegewinnung spezialisiert, findet im Fermenter einen menschlichen Finger, an dem noch der Ehering steckt. Der gruselige Fund lässt sich zunächst keinem Menschen zuordnen, da in der Biogas erzeugenden Häckselanlage alles zu Brei zermahlen wird. Ein zweiter Toter wird zudem gefunden, dessen Ende für niemanden von Interesse sein kann. Also ein kniffliger Fall für das bewährte Ermittlerduo von der friesischen Westküste…
Nygaard entführt den Leser in ein Dorf, in dem die Interessen unterschiedlicher nicht sein können. Die einen kämpfen um die Existenz, indem sie auf moderne Hightech-Landwirtschaft und Windkraftenergie setzen. Die anderen wollen ein beschauliches nostalgisches Dörfchen. Zudem gibt es Zwist zwischen arbeitenden Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen, die einen ruhigen Lebensabend in einem verschlafenen Nest an der Küste verbringen wollen. 
Das ist Everschopkoog nun wahrlich nicht. Auch hier gibt es einen verantwortungslosen Umgang mit einer HIV-Erkrankung, auch hier setzt man – aufgeschreckt durch den Mord in Emden – einem vermeintlich pädophilen Einwohner nach, hier gibt es Lug und Betrug, Egoismus und Dummheit. Vor allem in der Altbäuerin Reimers, die von bösartiger Tratschsucht gezeichnet ist, entwirft Nygaard ein Bild dörflichen Zusammenlebens, aus dem jede Harmonie ausradiert ist. Das bedeutet nicht, dass der Krimi ohne Klischees auskommt. Aber Land und Leute erscheinen bei Nygaard eben nicht als Versatzstücke einer Idylle, die in einen Touristenführer gehört. Auch mit der Lösung des Falls sind die Probleme des Landstrichs nicht beseitigt. 
Im Übrigen ist der Krimi souverän und mit gutem Spannungsbogen erzählt. Kritisch anzumerken ist die thematische Überfrachtung, die nicht zur Komplexität des Geschehens beiträgt, sondern gewollt konstruiert erscheint. Das Motiv für den Mord kann kaum überzeugen. Und störend ist, dass Johannes den Schlüssel zum Verständnis des Falls am Schreibtisch findet. Sein Gedankenblitz bleibt dem Leser verborgen, so dass er sich jedes Mitgrübeln über den Mörder sparen kann, weil er zum Schluss vor vollendete Tatsachen gestellt wird. 
Wen das nicht stört, dem weht an ein paar Leseabenden die frische friesische Landluft um die Nase. Man bekäme Lust, einmal hinzufahren. Wenn da nicht die Sache mit dem abgesäbelten Finger im Fermenter wäre…

Broschur: 272 Seiten 
Verlag: Emons
Erscheinungsdatum: 29. August 2013
ISBN: 978-3-95451-175-4

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