Samstag, 20. April 2013

[Rezension] „Die dritte Stunde nach Mitternacht - Ein Fall für Esme & Igor" von Bodil El Jørgensen

Die dritte Stunde nach Mitternacht - Ein Fall für Esme & Igor von Bodil El Jorgensen
Bildquelle: Thienemann
Esme (eigentlich Esmeralda, aber das hört sich so gar nicht nach angehender Journalistin an) ist wie immer auf der Suche nach brauchbaren Artikeln für ihre Schülerzeitung, als sie eines Nachts auf dem örtlichen Spielplatz einer dänischen Kleinstadt zufällig Zeugin einiger mysteriöser Aktivitäten wird, in denen eine brennende Brücke, ein Zwerg, ein Zauberer und ein Dieb, sowie jede Menge ungelöster Rätsel eine Rolle spielen. Also begibt Esme sich mit ihrem Cousin und Schülerzeitungsfotografen Igor auf Verfolgungsjagd. Je mehr sie über die mysteriösen Vorfälle erfährt, desto mehr gerät sie in höchste Gefahr...
 
Schibal! Was für ein tolles Jugendbuch. Nicht nur in puncto Erwachsenenkrimis liegen die Skandinavier ganz oben im Kurs. Das weiß man ja spätestens seit Astrid Lindgrens berühmter Detektivfigur Kalle Blomqvist. Tatsächlich hat die Protagonistin Esme, aus deren Perspektive erzählt wird, einiges mit Kalle gemeinsam, denn beide Figuren werden mit viel Respekt von den jeweiligen Autoren in Szene gesetzt. Das ist etwas, was meiner Meinung nach vielen Kinderbüchern fehlt: Ein ernstzunehmender Umgang mit der Zielgruppe. Oft werden in Romanen gewollt jugendliche Sprechweisen an den Tag gelegt, hochpubertäre Zickereien ausgebreitet und natürlich jede Menge Träumereien der jungen Leser befriedigt, indem ihre realen Wünsche in der fiktiven Welt erfüllt werden: Da gibt es als Identifikationsfigur den Waisenjungen, der eigentlich ein Zauberer ist und die Welt retten muss oder das Mädchen, um das sich zwei attraktive Angehörige übernatürlicher Spezies duellieren. Oft geht es dabei darum der Monotonie zu entfliehen, indem den alltagsüberdrüssigen Lesern eine Pforte zu einer anderen Welt ermöglicht, so dass sie jemand anderes, jemand wichtiges sein können. Natürlich ist es bei Esme & Igor und Kalle Blomquist in gewisser Weise auch so, dass den Protagonisten etwas widerfährt, was dem Leser noch lange nicht unterkommt (glaubt mir, ich habe als Kind mit voller Detektivausrüstung tagelang Ausschau nach Verbrechern gehalten: man entdeckt einfach keine, es passiert nichts). Aber es gibt einen großen Unterschied: Das Geschehen bleibt realistisch – und damit meine ich nicht den fehlenden Fantasybezug. Tatsächlich ist die Handlung von Esme & Igor so realistisch, dass – denkt man sich das Verbrechen einmal weg – alles genauso passieren könnte. Denn Esme ist weder besonders verunsichert, noch besonders ungewöhnlich. Sie ist ein ganz normales Mädchen, dass sich mit voller Inbrunst ihrem Schülerzeitungshobby widmet. Und ihr Cousin Igor ist ein Computernerd mit einem guten Herzen, der seine oftmals nervige (und für sein Equipment zuweilen gefährliche) Cousine unterstützt, wo er nur kann. Beide haben Macken und Eigenarten, die so sympathisch sind, dass man dazugehören möchte – nicht aber zwangsläufig tauschen will.

Zukunftsträume, Ängste und Neigungen werden also „kindgerecht“, aber nicht herabwürdigend behandelt. Es macht Spaß mit der Protagonistin die Verfolgung aufzunehmen, denn Esme ist witzig, unternehmungslustig und wirklich clever. Sie versteht es, dem Leser ein Stück Kindheit zurückzubringen, das im Erwachsenenalltag verloren gegangen ist. Was waren das für Zeiten, als der Tag noch nicht mit Organisatorischem durchstrukturiert war und für jede Verpflichtung und jedes Hobby ein Zeitfenster festgelegt sein musste. Als man sich seinen Passionen hingeben konnte, weil die ganze Zukunft vor einem lag und die eigenen Überzeugungen nicht vielfach reflektiert und zugunsten realistischer Einschätzungen über Bord geschmissen werden mussten.

Astrid Lindgren hat einmal gesagt, dass sie nicht für Erwachsene schriebe, sondern für Kinder. Zwar dürften Erwachsene ihre Bücher lesen, aber geschrieben sind sie eben für eine andere Zielgruppe. Ich finde, dass man ihren Büchern das anmerkt und denke, dass das der Grund ist, weswegen Kinder sich von ihr ernst genommen fühlen und Erwachsene beim Lesen ihrer Geschichten wieder zu Kindern werden. Dieses Gefühl versteht auch Bodil El Jørgensen zu vermitteln und dafür möchte ich sie am liebsten drücken.

Mein Fazit: Großartig – endlich wieder ein Kinderbuch mit richtig, richtig tollen Detektivfiguren – aufgeweckt, intelligent, frech, spannend. Ich möchte bitte mehr davon!

Was ist mit euch, lest ihr gerne ab und zu Kinderbücher? Und habt ihr auch früher die Astrid Lindgren-Romane verschlungen - oder die Verfilmungen geschaut? Was macht für euch eine gute Detektivfigur aus? Wir freuen uns über eure Antworten und Kommentare!



Die dritte Stunde nach Mitternacht - Ein Fall für Esme & Igor von Bodil El Jørgensen
Hardcover: 176 Seiten  
Verlag: Thienemann  
Erscheinungsdatum: 21. Februar 2012 
ISBN: 978-3522182898

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen