Mittwoch, 1. August 2012

"Sitzen vier Polen im Auto" von Alexandra Tobor

1986 wohnt die sechsjährige Aleksandra genannt Ola, im kommunistischen Polen. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie ein eher bescheidenes Leben mit vielen Entbehrungen. Eines Tages findet sie in dem Keller ihrer Oma einen Quellekatalog. Dieses „goldene Buch“ wird zu einem Heiligtum und lässt das für sie grau verrußte und triste Polen einfach nur noch unerträglich erscheinen. Sie beschließt auszuwandern in diese „Anderswelt“, wo alles blitzt und blinkt. Mit einem kleinen Säckchen voll Kartoffeln, Ausschnitte aus dem Quellekatalog, die sie als Papiere für die Grenze braucht und einer leeren Dose Coca Cola (in der BRD hat jeder seine eigene Dose), die sie gegen ein uraltes Briefmarkenalbum ihres verstorbenen Großvaters eintauschte, macht Ola sich auf den Weg Richtung Grenze. Doch sehr weit kommt sie nicht. All ihre Hoffnungen, auf ein Leben in der Welt des Quellekataloges beraubt, kehrt sie zu ihrer Familie zurück. Doch eines Tages gibt es für sie erfreuliche Nachrichten. Ihr Onkel ist in die BRD „rausgefahren“ und Olas Familie wird ihn besuchen. Kaum in der verlockenden westlichen Welt angekommen, beschließen sie, für immer dort zu bleiben, denn hier liegt ihnen ein augenscheinlich besseres und leichtes Leben zu Füßen.
Ola erscheint das Leben in der BRD anfangs wie ein Paradies. Es ist bunter als in Polen, es gibt schönere Autos und Spielzeug in Hülle und Fülle. Selbst aus den Schornsteinen steigt, anstatt der dunkelgrauen stinkenden Wolken wie in Polen, leichter rosafarbener Rauch auf wie Zuckerwatte. Jedoch muss sich auch Ola irgendwann eingestehen, dass hier vieles mehr Schein als Sein ist und man trotz des bunten Angebotes sich vieles erarbeiten muss.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht Ola, ein sehr lebhaftes und fantasievolles Mädchen, das gerne seinen Tod vortäuscht, um unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen. Der Leser begleitet Ola durch verschiedene Etappen ihres jungen Lebens. Zum Anfang erfährt er ein bisschen über ihre Kindheit in Polen. Baut Luftschlösser mit ihr und sehnt sich nach der Anderswelt aus dem Quellekatalog. Ola berichtet dann etwas später mit kindlicher Naivität über das Auswandern in die BRD, und konfrontiert den Leser mit Sprachbarrieren und Vorurteilen, aber auch mit vielen lustigen Missverständnissen zwischen zwei Kulturen.


Alexandra Tobor beschreibt sehr anschaulich und humorvoll die teutonischen Abenteuer einer polnischen Auswandererfamilie, berichtet von sozialen Missständen, Vorurteilen und Unterschieden zwischen polnischer und deutscher Kultur. Auch von ungenutzten Möglichkeiten und verletztem Stolz. Durch Olas kindliche Sichtweise wird das ganze gefiltert und wirkt dadurch nicht all zu mahnend. Auch Oma Greta, mein Lieblingscharakter neben Ola, sorgt mit ihrem Wesen für eine ordentliche Portion Sarkasmus und macht diesen Roman zu einem kurzweiligen Lesegenuss.

„Sitzen vier Polen im Auto“ hat mich oft an die Leichtigkeit meiner Kindheit erinnert. Daran dass für mich, nach der Grenzöffnung, ein kleiner Kiosk mit Süßigkeiten und Nippes das Himmelreich auf Erden war.


Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor
Taschenbuch: 272 Seiten 
Erscheinungsdatum: 8. Juni 2012 
ISBN: 978-3548283746

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