Dienstag, 17. Juli 2012

"In einem Land vor meiner Zeit" von Ina Raki

„Schlimmer als blind sein ist nicht sehen wollen.“ Wladimir Iljitsch Lenin

Alina schläft am Abend voller Vorfreude auf ihren 14. Geburtstag ein. Doch als sie erwacht, befindet sie sich in einem fremden Bett, einem fremden Zimmer und als jugendliche Version ihrer Mutter wieder. In einem Land, dass irgendwann aufhörte zu existieren und das bei vielen Menschen schon fast in Vergessenheit geraten ist. Mit einem Regime, das Menschen hinter Mauern einsperrte, ein ganzes Volk unterdrückte und bei dem selbst harmlose Worte zu einer großen Gefahr wurden. Willkommen im Jahr 1984, in der DDR.

Alina hat es aus einer sehr materialistischen und fortschrittlichen Welt nach „Hinterwaldhausen“ verschlagen. Ihr einziger Begleiter in diese Zeit ist ihr Tagebuch. Alina betritt mit vielen Vorurteilen diese für sie eigentlich unbekannte Welt. Das Problem besteht nicht nur darin, dass es hier kein Facebook gibt. Alle in ihrem Alter aus ihrem wirklichen Leben haben Spaß und Alina muss sich während ihrer Zeitreise mit ernsthafter Politik beschäftigen. Die Schwierigkeit an dieser Situation liegt darin nicht aufzufallen.
Mit viel Mühe versucht Alina sich anzupassen, um den Lebenslauf ihrer Mutter nicht zu ändern. Auch der Alltag in der DDR macht ihr zu schaffen, sie versteht so viele Dinge einfach nicht, aber danach fragen kann sie auch nicht. Also versucht sie mit den Möglichkeiten, die ihr gegeben sind, diese Zeit -deren Konsumverhalten meist mit stundenlangem Schlange stehen verbunden war- und dieses Regime zu begreifen, welches viele Menschen sich bis heute nicht erklären können.

Zu Beginn dieser Geschichte trifft man auf eine voreingenommene, verwöhnte und vom Konsumterror der heutigen Zeit geprägte Alina. Sie empfindet das Leben, welches eigentlich ihre Mutter geführt hat, als langweilig und grau. Sie vermisst viele Vorzüge ihrer Zeit. Ja man könnte sogar sagen, sie bewertet einfach alles sehr oberflächlich und möchte sich nicht wirklich mit dieser Zeit beschäftigen. Aber im Laufe dieses Buches macht sie eine gewaltige Entwicklung durch und erkennt wie viel Freiheiten sie in ihrem echten Leben hat. Sie lernt durch diese Zeitreise so viel über das Leben ihrer Mutter und sich selbst.
Der Leser erkennt, wie mutig Alina ist und wie einschränkend sie es empfindet, ständig das Gefühl zu haben, es lauert eine unsichtbare Gefahr.

Für mich war die Sichtweise von Alina sehr interessant, denn ich habe in meiner Kindheit in der DDR gelebt und kann mich an viele Dinge gut erinnern.
Oft habe ich den Drang verspürt, in die Geschichte zu springen und ihr gewisse Dinge zu erklären, weil sie es aus meiner Sicht anfangs sehr falsch empfunden hat. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, konnte ich Alinas Sichtweise besser verstehen.

„In einem Land vor meiner Zeit“ hat mich sehr begeistert. Als ich das Cover sah dachte ich eher an eine harmlose, lustige und oberflächliche Geschichte.
Natürlich gibt es in diesem Buch einige lustige Anekdoten aus der DDR, aber auch viel ernstere Themen werden aufgegriffen. Manchmal herrschte eine sehr düstere und bedrückende Stimmung, die immer wieder aufgelockert wurde durch Alinas Persönlichkeit und ihre für sie als skurril empfundenen Erlebnissen. Interessant fand ich Alinas moderne Sprache mitten in den damaligen Geschehnissen.
Auch die Tatsache, dass das Buch in Tagebuchform geschrieben ist, hat die Geschichte sehr authentisch und spannend gemacht.
Die Buchgestaltung hat mir sehr gefallen. Vom Cover (wir hatten tatsächlich so hässliche Blumen), den durchgestrichenen Sätzen und Smileys, bis hin zur Textgestaltung, ist alles stimmig und ansprechend.

Ina Raki hat ein etwas anderes Geschichtsbuch geschrieben, welches jeden Geschichtsmuffel hinter dem Ofen hervorlockt. Es ist kein Buch mit sachlichen harten Fakten.
Durch Alinas tägliche Tagebucheinträge bekommt es eine persönliche Note.
Viele Ereignisse aus diesem Buch bringen den Leser zum Nachdenken und sind sehr bewegend.
Es ist ein Buch gegen das Vergessen.
Und am Ende ist man froh über seine Freiheit…

Ich möchte mich ganz herzlich bei Ina Raki für dieses bewegende Buch bedanken. Es hat mich zu Tränen gerührt, mir aber auch so viel Trost gegeben und Mut gemacht.



In einem Land vor meiner Zeit von Ina Raki
Taschenbuch: 288 Seiten 
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsdatum: 20. Februar 2012 
ISBN: 978-3351041571

Kommentare:

A.H. hat gesagt…

Sehr sehr schöne Rezension, liebe Katrin!

Kathrineverdeen hat gesagt…

Danke!!!

Angels Bücherecke hat gesagt…

Gefällt mir deine Rezi. Das Buch interessiert mich sehr, bin ja auch ein Kind der DDR :)

LG Andrea

Ti hat gesagt…

Das hört sich sehr interessant an :) Tolle Rezension

Kathrineverdeen hat gesagt…

Vielen Dank :-)

Kommentar veröffentlichen