Montag, 28. Mai 2012

"Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Olga Grjasnowa

"Eigentlich hielt ich nichts von vertrauten Orten – der Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pogrom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten." (S. 203)


Mascha ist jung und eigenwillig, sie ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin. Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend und ein paar weitere so "wie die Ballermann-Touristen Deutsch". Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer krank wird. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird schließlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.

Mit unglaublicher Situationskomik, die sehr gut durchdacht ist, erzählt Olga Grjasnowa den Lesern eine Geschichte einer jungen Frau, die sich nichts sagen lässt und ihr Ziel immer verfolgt. Auf der einen Seite schwach und auf der anderen Seite stärker als wir es vielleicht sind. Die Hauptfigur Mascha ist ein sehr undurchschaubarer Charakter, dessen unterschiedliche Facetten erst mit der Zeit ans Licht kommen und somit den Leser immer wieder überraschen. So äußert Mascha zum Beispiel oft überraschende Gefühlswendungen, die sie nicht erklärt und uns so fragend zurücklassen. Sie wird dadurch undurchschaubarer und interessanter.

Das Pogrom im Kaukasus, das in Rückblenden beschrieben wird und ein Teil von Maschas Leben ist, wird mit Sachlichkeit und Distanz erzählt, obwohl es aus der Sicht einer kleinen Aserbaidschanerin erzählt wird, die damals aufgrund der Gegebenheiten auf eine Seite gezogen wurde.
Olga Grjasnowa äußert mit Sarkasmus und durch Anekdoten Kritik an der Gesellschaft meist mit Hinblick auf die Themen Rassismus, Integration und Migration. Die Ignoranz, mit der viele Menschen heutzutage diese Themen behandeln, wird somit sehr klar ausgedrückt, nicht zuletzt mit dem Aspekt, dass man bei der offensichtlichen Wahrheit lachen muss.
Es wird sehr oft mit Klischees und Vorurteilen gespielt, die geschickt gegen die Verursacher ausgespielt werden. Auch werden immer wieder interkulturelle Konflikte erwähnt oder in lustigen Dialogen zur Schau getragen.
Die Geschehnisse, Personen und kleine Details und Szenen werden so anschaulich beschrieben, dass es schwer fällt sich vorzustellen, dass es ausgedacht ist.


Olga Grjasnowa hat die Gabe so zu schreiben, dass selbst unbeschreibliche Dinge von ihr in Worte gefasst werden können. Und selten habe ich ein Buch gelesen, dass so reich an Intellekt ist und zum Nachdenken anregt. Und zu guter Letzt enthält es einen so guten Blick auf das Wichtige im Leben, dass ich mit den Fragen zurückblieb: Was kann ich mit meinem Leben machen, um etwas Großes und für mich Wichtiges zu erreichen? Wie werde ich glücklich? Und: Sollte ich irgendwann einen Schritt wie Mascha wagen und alles zurücklassen um neu anzufangen?


Dieses Buch hat etwas an sich, das begeistert. Um das zu verstehen, muss man das Buch selbst gelesen haben und ich empfehle wirklich jedem, das zu tun.


Ich danke Olga Grjasnowa für die wunderbare Leserunde zu diesem Buch und dem Hanser Verlag für die Bereitstellung des Buches.


Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag  
Erscheinungsdatum: 6. Februar 2012
Preis: EUR 18,90
ISBN: 978-3446238541

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