Dienstag, 17. April 2012

"Pampa Blues" von Rolf Lappert


„Glaubst du eigentlich, dass dort oben Leben irgendwo Leben ist?“ fragt Maslow schließlich. „Ich glaube nicht mal, dass hier unten Leben ist “, sage ich.

Irgendwo im Nirgendwo der ostdeutschen Provinz liegt Wingroden, ein überschaubares Dorf mit wenigen Einwohnern. Die dortigen Attraktionen beschränken sich auf eine Kneipe, eine Tankstelle und auf Friseurin Anna. Einige Bewohner dieses Kaffs müssen sich regelrecht ihr Hirn mit Alkohol vernebeln, um das Leben in dieser Einöde ertragen zu können. Andere versuchen immer wieder mit den verrücktesten Ideen, den Ort für Fremde und Besucher attraktiv zu machen, um endlich ihrem Leben etwas Abwechslung zu verleihen - doch nur selten verirrt sich jemand nach Wingroden.
In dieser Einöde lebt Ben, ein eigentlich ganz normaler Teenager mit einem großen Hunger auf die erste Liebe und das Leben an sich. Er wohnt zusammen mit seiner Mutter, die jedoch auf einem Egotrip als mäßig talentierte Sängerin durch die Jazzclubs Europas zieht und ihren Sohn vernachlässigt, und seinem Großvater Karl, der von ihm gepflegt werden muss - denn Karl ist dement. Bens tägliche Highlights sind die Treffen mit den Kumpels, auf ein oder zwei Bier. Eines Tages eröffnet ihm Kumpel Maslow seinen neuen Plan: Er will aus Wingroden, indem er eine UFO-Landung inszeniert, ein Touristenmekka machen. Anfangs scheint dieser Plan auch aufzugehen, doch dann kommt die Presse - leider nicht wegen vermeintlicher Aliens, die es in die Provinz verschlagen hat, sondern wegen eines Mordes.

Rolf Lappert beschreibt eine skurrile Schicksalsgemeinschaft von sympathischen Loosern, die gerade durch ihre bäuerlichen Eigenarten zu begeistern verstehen. Sie alle teilen dasselbe Problem: Sie stecken gemeinsam in diesem Zehnseelenörtchen fest. Man erfährt viel über Ben, den Held der Geschichte, über seine Gefühlswelt und seine Träume. Er setzt alles daran, dieses Niemandsland für immer verlassen zu können und werkelt dafür Tag für Tag an einem alten VW-Bus. Sein Traum, nach Afrika zu reisen, um den Spuren seines dort verstorbenen Vaters zu folgen, wird jedoch von seiner nie anwesenden Mutter und seinem dementen Großvater Karl immer wieder torpediert. Bens innerlicher Zwiespalt, seine Überforderung und die Wut über Mutter und Krankheit des Großvaters werden hervorragend verdeutlicht: „Ich erwische mich wieder bei dem Gedanken, dass es mir nicht viel ausmachen würde, wenn Frau Wernicke mir mitteilen würde, Karl sei krank und müsse bald sterben. Ich hasse mich dafür und wünschte, ich würde anders ticken.“ Seite 61

Pampa Blues“ von Rolf Lappert ist eine direkt aus dem Leben gegriffene Geschichte über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, die durch ihre melancholische Stimmung unter die Haut geht. Sie steckt voll urkomischer Figuren, einer Menge Ironie, Anekdoten aus dem bäuerlichen Alltag und ganz viel Herz. „Pampa Blues“ ist ein urkomisches und anspruchsvolles Jugendbuch, welches  gerade wegen dieser guten Mischung ein echter Gewinn ist.

Mein einziger Kritikpunkt: Der Roman ist, für meine Begriffe, ein wenig zu kurz gehalten. Ich hätte Ben auf seinem Weg ins Erwachsensein gern ein wenig länger begleiten wollen.




"Pampa Blues" von Rolf Lappert
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 6. Februar 2012
ISBN: 978-3446238954

Kommentare:

Franci hat gesagt…

Deine Rezension liest sich toll! Beim Durchlesen fiel mir ein Buch ein, dass ich mal vor Jahren gelesen habe, aber seitdem nicht mehr vergesse: "Busfahrt mit Kuhn" von Tamara Bach - das würde dir bestimmt auch gefallen!

Liebe Grüße,
Franci

Kathrineverdeen hat gesagt…

Oh danach werde ich gleich mal stöbern :-) Danke!

Blue hat gesagt…

Sehr schöne Rezi. Das Buch steht auch schon auf meiner Wunschliste. Bisher war ich mir allerdings nicht sicher ob es mir gefallen würde, aber deine Rezi macht mich doch sehr neugierig. :D

Lisa hat gesagt…

Macht doch bei meinem Gewinnspiel mit: lisa-buecherchaos.blogspot.com

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