Freitag, 16. März 2012

"Unterland" von Anne C. Voorhoeve

„Frieden sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein kurzes Wort. Ich glaube, es gibt keine zwei Menschen auf der Welt, für die Frieden ganz genau dasselbe bedeutet. Für mich hieß Frieden und wird es vielleicht auch immer heißen, dass sich der graugelbe Dunst verzog, der Himmel blau wurde, dass man wieder atmen konnte und sich erinnerte, was Stille war.“  Seite 42

Inhalt: Deutschland 1945. Kurz vor Kriegsende wird Helgoland von Bomben zerstört. Die zwölfjährige Alice und ihre Familie fliehen von der Insel und lassen alles zurück, was ihnen wichtig ist. In Hamburg finden sie Unterschlupf. Doch die neue Zeit, die sich Frieden nennt, stellt sie vor immer neue Herausforderungen: Hunger und Kälte, Schwarzmarkt und Hamsterfahrten, das Leben unter einer Besatzungsmacht - und mit Menschen, die bleischwere Geheimnisse hüten. Trotz allem behält Alice ihr Ziel fest im Blick. Eines Tages wird sie auf ihre geliebte Insel zurückkehren!

„Unterland“ von Anne C. Voorhoeve ist die Geschichte von Alice, einem Mädchen, das mit seiner Mutter, seiner Großmutter und seinem Bruder nach einem großen Bombenangriff von der Heimatinsel Helgoland evakuiert wird. In Hamburg weist man der Familie ein Haus zu, welches von drei weiteren Flüchtlingsfamilien und der Hausherrin bewohnt wird. Doch das Leben dort ist alles andere als Zuckerschlecken. Nicht nur in dieser Gemeinschaft herrschten Hunger, Kälte und Neid, es mangelte auch an den alltäglichsten Dingen. Um sich über Wasser zu halten und nicht zu erfrieren und zu verhungern, musste man sich schon etwas einfallen lassen. Auch wenn es nicht legal war…


Die Geschichte wird aus der Sicht von Alice erzählt. Sie ist zwölf Jahre alt und für mich eine kleine Heldin. Ihr kurzes Leben hat schon einige tiefe Narben hinterlassen. Nicht nur seelische, denn sie wurde bei einem Tieffliegerangriff auf ihrem Schulweg schwer verletzt und ist seitdem gehandicapt. Trotz dieser Einschränkungen hat sie ihren Mut, ihr Durchsetzungsvermögen und ihren Humor nicht verloren. Alice erzählt von dem täglichen Lebenskampf, Schwarzmarkthandel, von Hass, von der Hungersnot und dem Einfallsreichtum der Menschen um zu überleben.

„In Hamburg wurden Hosen in allen Varianten getragen-kurze und lange Hosen, Hosen aus Stoff, aus Wolle, aus Leder, aus Gummi und sogar Papier.“
 Seite 202

Alice erzählt auch von der Sehnsucht nach der Heimat, die sie wohl nie wieder sehen wird und von der Suche nach einem Verräter, der nicht greifbar zu sein scheint und all das zu verantworten hat.
Der Leser erlebt die Geschichte wie durch einen Filter, einem Kindermund. Er erfährt dadurch viel über den Umgang der Erwachsenen der damaligen Zeit mit den Geschehnissen. Alice weiß nichts von den Lagern oder dem täglichen Umgang mit Juden auf der Straße. Sie versteht nicht, warum die so genannten „Tommys“ die Leute behandeln, als müssten sie alle bestraft werden. Sie hinterfragt jetzt viele Dinge und bekommt nur selten eine Antwort.

„Ootie hatte Recht gehabt. Die Wahrheit über uns musste so grauenvoll sein, dass Eltern ihren Kindern nicht einmal mehr in die Augen sehen konnten. Wenn ich mehr wissen wollte, würde ich Fremde fragen müssen.“
Seite 412

„Unterland“ von Anne C. Voorhoeve ist für mich ein unerwartetes und ganz besonderes Lesererlebnis gewesen, denn eigentlich lese ich nicht so viele geschichtliche Romane. Mit ihrem Schreibstil hat mich Anne C. Voorhoeve begeistert und mir Alice, aber auch alle andere Charaktere sehr nah gebracht. Man spürt körperlich den Kampf der Menschen in dieser schweren Zeit. In vielen Momenten, die ich mit Alice verbracht habe, wusste ich nicht, ob ich aufgrund ihres trockenen Humors und ihrer Erzählweise, lachen oder weinen sollte. Anne C. Voorhoeve spricht viele Themen an, die für mich heutzutage einfach unvorstellbar sind: Allein auf Baumrinde zu kauen, um den Hunger zu besiegen! Erschüttert haben mich einige Erwachsene in diesem Buch mit ihrem Umgang mit der deutschen Geschichte. Ignorieren statt sich damit auseinander zu setzen. Ich durfte auch viele Dinge erfahren, die man in dem normalen Geschichtsunterricht so nicht erfahren hat. Es gab kein Kapitel, in dem ich nicht das Bedürfnis hatte, mit jemandem darüber zu sprechen.

Dieses Buch hat mich wirklich tief berührt und sehr bewegt und ich kann es wirklich jedem ans Herz legen. Auch denen, die sich nicht unbedingt für Geschichte interessieren. Ich konnte mich sehr schlecht von dieser Geschichte trennen und muss noch immer grübeln. Trotz dieser doch ernsten Geschichte deprimiert dieses Buch nicht, es macht eher Hoffnung und Mut. Irgendwann werde ich mal nach Helgoland fahren und an Alice denken.




Unterland von Anne C. Voorhoeve 
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten 
Erscheinungsdatum: 1. Januar 2012 
ISBN: 978-3473400744

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